Ausgabe - vom (Datum): 27-06.07.2003
Sagen Sie mal, Eutychus...
... bei einer Predigt einschlafen und aus dem Fenster fallen – peinliche Sache, die Ihnen da passiert ist.
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 | | Gemälde des Eutychus, Öl auf Holz, von Eric Pervukhin. Repro: sob

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Eutychus (wird rot): Kann man so sagen. Aber woher wissen Sie das überhaupt?
Es steht in unserer Heiligen Schrift. Ein biblischer Schriftsteller namens Lukas hat es aufgeschrieben.
Eutychus: Hatte der nichts Wichtigeres zu schreiben? Wollte der mich vorführen? Ich meine: Diese Geschichte ist doch nur eine Marginalie gewesen und trägt die frohe Botschaft des Evangeliums nun wirklich nicht in sich.
Mag sein. Aber immerhin entbehrt sie nicht einer gehörigen Portion Humor.
Eutychus: Lachen war mir ehrlich gesagt gar nicht zu Mute. Mir scheint, ihr Christen habt die Untugend der Schadenfreude noch nicht ganz abgelegt.
Nicht so verbissen, Herr Eutychus! Mal ehrlich: Jeder Satz, jede Geschichte in der Bibel ist unentbehrlich. Spannend wird es erst, wenn man ihren Sinn ergründet, ihre Lehre. Und Ihre Geschichte trägt eine sehr wichtige Botschaft in sich.
Eutychus: Jetzt bin ich aber gespannt.
Entgegen Ihrer Vermutung sind gar nicht Sie der Mittelpunkt der Geschichte. Sondern jener Mann, der Ihnen gepredigt hat: Paulus. Nicht Sie müssen sich Kritik gefallen lassen, Eutychus. Sondern er - der weltberühmte, hochverehrte Heidenapostel Paulus.
Eutychus: Das grenzt an Heiligenbeleidigung.
Auch Heilige sind vor Fehlern nicht gefeit. Paulus hat sich offensichtlich einen großen Fehler erlaubt. Wissen Sie noch, was er geredet hat? Könnten Sie seinen wichtigsten Gedanken wiederholen?
Eutychus: (nachdenklich): Nicht wirklich.
Sehen Sie! Da soll einer die frohe, wach machende Botschaft der Gnade Gottes verkünden – und bringt seine Zuhörer zum Einschlafen. Auftrag verfehlt, würde ich sagen. Nicht grundlos heißt eine der wichtigen Hauptlehren für angehende Pfarrerinnen und Pfarrer: In der Predigt darfst du über alles reden – aber nicht über eine Viertelstunde.
Eutychus: Viertelstunde? Das wäre ja geradezu himmlisch gewesen! Vom Abendessen bis nach Mitternacht hat Paulus uns in Troas gepredigt! Mehrere Stunden! Beim besten Willen: Da kann man doch nicht anders als abschalten!
Ich stimme Ihnen völlig zu. Vielleicht ist das die Lehre Ihrer Geschichte: Wer das Evangelium verkündigen will, hat sich kurz zu fassen. Ihr Fenstersturz hat auf ebenso schmerz- wie wirkungvolle Weise gezeigt, wohin übertriebener Predigteifer führen kann. Sie brauchen also wahrlich nicht peinlich berührt zu sein.
Eutychus: Wenn ich’s mir recht überlege, habe ich Paulus ja sogar gebremst. Als ich herausgefallen war, brach Paulus abrupt seine Predigt ab, lief die Treppen hinab und kam zu mir. Die anderen dachten, ich sei tot. Aber er weckte mich, ich kam wieder zu mir. Mit ein paar Prellungen und Blessuren, aber eigentlich noch ganz gesund.
Hat er danach weitergepredigt?
Eutychus: Gott bewahre, nein! Wir saßen noch lange mit seinen Mitarbeitern zusammen, haben gegessen und über Gott und die Welt geredet.
Vielen Dank für das Gespräch
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