Ausgabe - vom (Datum): 26-29.06.2003
Sagen Sie mal, Daniel...
Ich würde Sie gerne für den Pater-Brown-Preis der deutschen Kirchenkrimi-Vereinigung vorschlagen. Ich hoffe, Sie sind einverstanden.
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 | | Michelangelo Buonarroti: Deckenfresko zur Schöpfungsgeschichte in der Sixtinischen Kapelle in Rom, Szene in Lünette: Der Prophet Daniel, 1508-1512. Foto: Archiv

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Daniel: Oh, es ist mir eine Ehre. Ich werde die Statue in meine Vitrine stellen - neben den Pokal des Weltverbandes der Löwendompteure und die Anerkennungsnadel der Schriftdeuter des Nahen Ostens.
Ach, Sie sind schon reich bedacht mit Preisen?
Daniel: Ich will nicht prahlen - aber mein Wirken hat vielen Menschen imponiert. Dass ich eine Nacht inmitten hungriger Löwen überlebt habe, ist ja allgemein bekannt. Ebenso, dass ich die Schrift deutete, die von unsichtbarer Hand vor König Belsazar an die Wand gemalt wurde. Aber ehrlich gesagt: Diese beiden Situationen konnte ich nur mit Gottes Hilfe meistern.
Für Ihre detektivischen Fähigkeiten hingegen sind Sie allein verantwortlich.
Daniel: Ach, da habe ich einfach nur meinen Grips angestrengt. Aber auch der kommt ja letztendlich von Gott, oder?
Eigentlich schon, aber man soll das eigene Licht nicht unter den Scheffel stellen. Wie Sie die Priester dieses Götzen - wie hieß er noch gleich?
Daniel: Bel.
Genau. Wie Sie diese Bels-Priester ihrer Lüge überführt haben, war schlichtweg grandios.
Daniel: Finden Sie? Im Grunde wars ziemlich einfach. Deren Angeberei hat mich total aufgeregt und hat meine Neugier hervorgerufen. Ich hab von Anfang an geahnt, dass ihre Geschichte nicht stimmte. Dass ein nicht vorhandener Gott nicht Nacht für Nacht Unmengen an Speisen vertilgen konnte: vierzig Schafe, zwölf Sack Mehl und sechs Eimer Wein. Das alles hatten die Priester nämlich an jedem Abend vor den Altar ihres »Gottes« gestellt. Und sie behaupten felsenfest, ihr Götze Bel würde sie als Opfer annehmen und verschwinden lassen.
Die Priester hatten ja auch stichhaltige Beweise für ihre Geschichte.
Daniel: Dass das Siegel an der einzigen Tür zum Tempel unbeschädigt war? Stimmt, das hat mir auch anfangs zu denken gegeben. Dennoch: Irgendetwas ging nicht mit rechten Dingen zu. Zusätzlich hat mich geärgert, dass König Kyrus ihnen mehr glaubte als mir. Nachts kam mir dann die Idee mit der Asche.
Genial.
Daniel: Eigentlich simpel. Als die Priester ihre »Opfergaben« vor den Altar gekarrt hatten, schlich ich mich in den Tempel. Ich hatte Asche aus meinem Herd mitgebracht und verstreute sie in einer dünnen Schicht auf den Boden. Am nächsten Morgen ging ich mit König Kyrus zum Tempel. Das Siegel war verschlossen. Als wir hinein gingen, waren die Schafe, das Mehl und der Wein verschwunden. Der König setzte zum Lobpreis Bels an: »Du bist ein großer Gott...«
... doch Sie holten ihn rüde auf den Boden der Tatsachen zurück.
Daniel: Ja, das war mir eine Freude. Zumal die Bels-Priester daneben standen und dachten, sie hätten den König überzeugt. Ich verzog keine Miene und zeigte nur auf den Boden. Der König fiel aus allen Wolken, als er die Fußabdrücke in der Asche sah. Augenblicklich erstarrten die Priester in Schweigen. Der König und ich gingen den Fußabdrücken nach und gelangten zu einem Geheimgang.
Damit war der Fall gelöst.
Daniel: Ja. Jede Nacht waren die Möchtegern-Priester mit ihren Frauen und Kindern durch diesen Gang in den Tempel geschlichen und hatten ihre eigenen Opfergaben wieder mitgenommen. Damit war die Mär aus der Welt, dass Götze Bel irgendetwas mit dem vermeintlich wundersamen Verschwinden der Opfergaben zu tun hatte.
Pater Brown hätte den Fall nicht besser lösen können.
Daniel: Danke. Das ehrt mich.
Viel Freude mit dem Preis. Und sollten Sie wieder einmal einen Fall lösen, lassen Sie es uns wissen.
Daniel: Mach ich.
Vielen Dank für das Gespräch
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