Ausgabe - vom (Datum): 25-22.06.2003
Sagen Sie mal, Zachäus, ...
...sind Sie als Kind schon gerne auf Bäume geklettert?.
Zachäus (lacht): Ja. Mit meinen Kumpels habe ich ein Baumhaus gebaut in einem Maulbeerbaum. Da war die Welt noch in Ordnung...
Jetzt nicht mehr?
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 | | Zachäus Foto: comeandseeicons.com

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Zachäus: Jetzt wieder. Aber je länger ich Zöllner war, desto einsamer wurde ich. Wissen Sie, wir Zöllner waren kein besonders angesehener Berufsstand in Israel damals. Mit Kumpels war da nicht viel - außer den Kollegen.
Nicht angesehen? Immerhin waren Sie Beamte. Bei uns gilt das als ein Beruf, der zumindest den Willen zur Ehrlichkeit aufbringt.
Zachäus: Tatsächlich? Keine Korruption? Keine persönliche Bereicherung? Das war bei uns anders. Wir haben die Leute ziemlich ausgenommen. Auch ich, muss ich selbstkritisch eingestehen. Jedem, der Abgaben zu zahlen hatte, habe ich noch ein - nun, wie soll ich sagen? - ein Trinkgeld abgeknöpft. Wirtschaftlich ging es mir und meiner Familie folglich nicht schlecht. Und doch fand ich keinen Frieden. Irgendetwas bohrte in mir. Mir war aber nicht klar, was.
Was mich wundert: Sie hätten Jesus und seine Leute doch einfach am Stadttor aufhalten können. Sie hatten die Befugnis dazu. Sie hätten einfach fragen können: »Habt ihr was zu verzollen?« Und dann hätten Sie Jesus direkt in die Augen blicken können.
Zachäus: Stimmt, hätte ich machen können. Aber seltsamerweise hatte ich einen Heidenrespekt vor diesem Mann aus Nazareth. Viel hatte ich schon über ihn gehört. Dass er Kranke heilt. Dass er Dämonen austreibt. Und dass er einem reichen Jüngling empfohlen hatte: »Verkaufe alles, was du hast und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben!«
Demnach hätten Sie eher Angst haben müssen vor einer Begegnung.
Zachäus: Angst? Ja, ein bisschen Angst war wohl auch dabei. Aber nicht nur vor Jesus, sondern auch vor meinen Zoll-Kollegen. Alles ziemlich ausgebuffte Menschen, die von solchen Wanderpredigern wie Jesus gar nichts hielten. Mich aber faszinierte er. Das war der Grund, weshalb ich ihn nicht vor den anderen aufgehalten, sondern mich auf einen Baum verdrückt habe, um ihn wenigstens aus der Ferne zu sehen. Sie müssen wissen, ich war ein kleiner Mann.
Minderwertigkeitsgefühle?
Zachäus: Nicht mehr. Immerhin hat Jesus mich angesehen. Kannte sogar meinen Namen. Und wollte mich in meinem Haus besuchen. Mich, Zachäus, den Ober-Zöllner aus Jericho. Was meinen Sie, wie die frommen Juden da geschaut haben. Ich habe sie tuscheln gehört: »Bei einem Sünder ist er eingekehrt!« Sünder!
Waren Sie das nicht?
Zachäus: Das bin ich immer noch, Gott sei mir gnädig! Aber jeder Mensch sündigt, selbst der frömmste Gläubige. Diese Lehre habe ich gezogen. Und die anderen hoffentlich auch. Mit neidischen Blicken warteten sie vor meinem Haus und versuchten, einige der Worte zu erheischen, die Jesus mit mir sprach.
Verraten Sie sie uns? Lukas, der Ihre Geschichte aufgeschrieben hat, zitiert sie leider nicht.
Zachäus: Da gab es auch nichts zu zitieren. Jesus setzte sich an meinen Tisch. Er blickte mir tief in die Augen. Ein Blick, der mich mitten ins Herz traf. Jesus brauchte nichts zu sagen. Ich verstand.
Was?
Zachäus: So genau kann ich es gar nicht beschreiben. Ich fühlte mich erkannt - und ertappt. Und ich gestand ihm das, was mich belastete. Das Haus, der Tisch, der Stuhl, auf dem er saß - in dem allen steckte Geld, das ich meinen Landsleuten abgepresst hatte. Das gehörte mir eigentlich gar nicht. Also sagte ich ihm - oder besser - mir: Ich gebe die Hälfte meines Besitzes den Armen. Und den Leuten, die ich betrogen hatte, gebe ich es vierfach zurück.
Das klingt ehrenwert - hat Sie aber wohl in den Ruin getrieben.
Zachäus: Nicht ganz. Aber ich musste schon kürzer treten. Trotzdem ging es mir besser. Viel besser.
Sicherlich haben Sie Ihren Beruf aufgegeben.
Zachäus: Nein. Im Gegenteil. Ich habe ihn jetzt erst richtig gewissenhaft ausgeübt. Habe die Zollpflichtigen gerecht behandelt. Habe ihnen kein »Trinkgeld« mehr abgeknöpft. Meine Kollegen, die weiterhin die Leute ausgenommen haben, habe ich ermahnt.
Damit haben Sie Ihre letzten Freunde verloren.
Zachäus: Dafür habe ich viele neue Freunde gefunden. Unter denen, die an die Macht dieses Mannes aus Nazareth geglaubt haben. Ich bin ärmer geworden, mein Leben dagegen reicher.
Vielen Dank für das Gespräch
Interview: Uwe Birnstein
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