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Ausgabe - vom (Datum): 24-15.06.2003




Sagen Sie mal, Gomer...

 ...als Hure einen Propheten zu heiraten, ist nicht gerade gewöhnlich.


Gomer
  Gomer und Hosea, Buchmalerei

Gomer: Das stimmt. Ich wollte halt aus meinem Job raus, und Hosea war schon sehr begehrenswert. Als er kam und mich heiraten wollte, dachte ich, er würde es aus Liebe tun.

 Wieso »dachte«? War es etwa keine Liebe?

Gomer: Im Nachhinein glaube ich nicht. Letztendlich war ich nicht mehr als eine Marionette in einem Theaterstück, in dem Gott die Fäden zog.

 Eine bittere Erkenntnis...

Gomer: ...und eine herbe Enttäuschung. Gott hat mir nicht mein Glück gegönnt, sondern hat mich verplant. Nur weil er ein griffiges, bildhaftes Beispiel für seine Bibel brauchte.

 Sie spielen an auf den Spruch: »Nimm ein Hurenweib, denn das Land läuft vom Herrn weg der Hurerei nach.«

Gomer: Genau. Im Endeffekt war ich nicht eine Person, sondern ein Symbol. Darunter habe ich mein Leben lang gelitten. Drei Kinder habe ich gezeugt. Ich hatte mir so schön Namen für sie ausgedacht: Micha. David. Jakob. Aber nein. Mein Göttergatte musste ja wieder seinen Prophezeiungen trauen und sie anders nennen. Der erste musste Jesreel heißen - der Name einer Stadt! Würden Sie Ihr Kind »München« nennen, nur weil dort Gottvergessenheit herrscht? Der zweite Sohn musste Lo-Ruhama heißen: »Kein Erbarmen« - was für ein Name! Und der dritte dann Lo-Ammi, »ihr seid nicht mein Volk«. Die Kleinen wurden zu wandelnden Protestplakaten. Von Ihren Kumpels wurden sie ständig gehänselt. Selbst von ihrem Vater mussten sie sich anhören: »Ihr seid Hurenkinder.«

 Klingt nicht nach glücklicher Familie.

Gomer: Wobei ich sagen muss: Hosea, mein Mann, war wahrscheinlich glücklich. Denn er hatte schließlich den Willen Gottes erfüllt. Doch ich als Frau ging dabei völlig unter. Ich war nur die Hure, das Freudenmädchen aus dem kanaanitischen Tempel. Wie sehr hatte ich mich nach meinen Erfahrungen mit Männern ein Leben voller Geborgenheit, Liebe und Sicherheit gewünscht. Aber Hosea hat mich nie als Geliebte, sondern immer nur als Werkzeug Gottes gesehen. Statt mir einmal richtig zuzuhören, hat er lieber »Gottes Wort empfangen«. Ich konnte es nicht mehr ertragen, wenn er mir schon am Frühstückstisch von seinen Träumen und Visionen erzählte und darüber unsere Alltagssorgen völlig vergaß.

 Sie haben Konsequenzen gezogen und haben Ihr Image damit leider bestätigt.

Gomer: Wie? Was hat denn eine Affäre mit Hurerei zu tun? Einer Ihrer Fernsehprediger hat Fremdgehen mal als »sexuellen Mundraub« bezeichnet. Die Liebe, die mein Mann mir nicht geben wollte oder konnte, habe ich woanders gesucht. Was ich mir vorwerfe ist allerdings, dass ich Hosea nicht früher mal zurechtgewiesen und von seinem hohen Prophetenross gestoßen habe. Aber wenn sich jemand immer als göttliches Sprachrohr versteht, ist es schwer, dagegen zu reden. Man fühlt sich dann als Gotteslästerin.

 Das kann ich verstehen. Vielen Dank für das Gespräch


Interview: Uwe Birnstein


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Eine Übersicht aller Interviews mit Personen der Bibel finden Sie hier

ZUR PERSON
GOMER arbeitete als Tempelhure in einem kanaanitischen Tempelheiligtum. Als der Prophet Hosea (8. Jh. v. Chr.) von Gott den Auftrag erhält, als Zeichen für Israels Hurerei eine Prostituierte zu heiraten, erwählt er Gomer. Ihre drei Kinder bekommen symbolhafte Namen, die den Unmut Gottes über das Verhalten seines Volkes ausdrücken. Sogar Gomers Ehebruch bekommt eine zeichenhafte Dimension.
Quelle: Hosea 1
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sagen-sie-mal.de


Interviews mit Personen der Bibel



Der Autor und Theologe Uwe Birnstein interviewt zum ökumenischen Jahr der Bibel 2003 Jesus, Maria und andere prominente Männer und Frauen der Heiligen Schrift.
/03/2003_24_16_01.php
abgerufen 07.02.2012, 10.39 Uhr
zuletzt geändert 16.12.2009, 16.57 Uhr

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