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Ausgabe - vom (Datum): 23-08.06.2003




Sagen Sie mal, Heiliger Geist,...

 ...ist das nicht anstrengend, immer wieder woanders zu wehen?


Heiliger Geist, Ikone von Andrej Rubljow
  Hubert van Eyck: Genter Altar, Altar des Mystischen Lammes, Außenseiten der Flügel, mittlere äußere Szene: Jungfrau der Verkündigung, Detail: Maria und Heilige Geist (Taube), vor 1426-1432. Gent, Kathedrale St. Bavo. Bild: sob

Heiliger Geist: Keine Sorge. Ich hab genug Puste. Noch für viele Orte und für viele Jahre.

 Wir schätzen Ihre Energie. Aber Sie würden es uns Christen einfacher machen, wenn Sie dort wehen würden, wo wir wollen.

Heiliger Geist: Das glaube ich Ihnen aufs Wort. Wo hätten Sie's denn gerne?

 Zum Beispiel auf Kirchenkonferenzen. In Gremiensitzungen. Auf Synoden. In Kirchenvorständen.

Heiliger Geist: Ach wissen Sie: Ich will ja auch meinen Spaß haben. Ich habe die Erfahrung gemacht: Am ehesten lassen sich die Menschen von mir ergreifen, die so gar nicht mit mir rechnen. Also nicht die Berufs-Christen, wie Sie selbst ja scheinbar auch einer sind. Die ganz einfachen Leute, die nicht immer nur von mir reden, sondern die mich schon fast vergessen haben. Die andere Sorgen haben als Tagesordnungen, Finanzprobleme und Prestigefragen.

 Wollen Sie wirklich behaupten, Sie würden die Kirche absichtlich von Ihrem Wirken ausschließen?

Heiliger Geist: Ganz und gar nicht. Wenn ich Ihnen meinen Terminkalender für Samstagabend zeigen würde, könnten Sie mir das nicht unterstellen.

 Samstagabend? Besser wäre, wenn Sie Sonntag vormittags unsere Kirchen durchlüften würden.

Heiliger Geist: Das schließt sich ja nicht aus. Aber auf meiner Rundreise durch die Pfarramts-Studierstuben muss ich am Samstag stets vorbauen, um sonntags einigermaßen durchzukommen. Hunderte, ja Tausende Pastorinnen und Pastoren muss ich trösten, wenn sie nicht die richtigen Einfälle oder Worte für ihre Predigten finden. Ob Sie's glauben oder nicht: Das ist Schwerstarbeit.

 Dafür bescheren wir Christen Ihnen immerhin in jedem Jahr ein standesgemäßes Geburtstagsfest.

Heiliger Geist: Naja. Wenn ich an Pfingsttagen mal nach dem Rechten schaue, sehe ich da ehrlich gesagt nicht so viele Gratulanten. Und besonders geistvoll geht es dort auch nicht zu.

 Da haben Sie selbst Schuld. Sie könnten die Gottesdienste durchwehen.

Heiliger Geist: Moment. Schieben Sie die Schuld nicht auf meinen vollen Terminkalender. Ihr Christen, wenn Ihr denn Jesus nachfolgt, habt mich doch schon in euch! Ich bin doch da! Nur trauen sich viele von euch nicht zu, den Geist wirken zu lassen. Sie haben Angst, ich könnte sie ganz woanders hintreiben, als sie wollen.

 Mit Recht.

Heiliger Geist: Fürwahr, das würde ich ja auch tun. Aber dort, wohin ich sie treiben würde, ginge es ihnen besser. Sie müssten eigentlich viel mehr Angst haben, dort zu bleiben, wo sie sind. Oder so zu bleiben, wie sie sind. Ich führe immer in die Freiheit, das hat Ihr Apostel Paulus gut erkannt.

 In die Freiheit? Würden Sie so weit gehen und die Menschen aus den Kirchen heraustreiben?

Heiliger Geist: Wenn das für einen Menschen Freiheit bedeutet, dann schon. Wenn er unter Christen nur den Buchstaben findet, der tötet, dann führe ich ihn dorthin, wo er das Leben wieder spüren und neu entdecken kann. Das kann auch außerhalb der Kirche sein, natürlich.

 Ui. Ich glaube, wenn Sie auf diesem Standpunkt beharren, wird das Sonntagsblatt dieses Interview wohl kaum drucken können.

Heiliger Geist: Auch Sie haben also Angst? So kurz vor Pfingsten? Ich bitte Sie: Gerade mir liegt die Kirche besonders am Herzen. Deswegen wünsche ich mir zum Geburtstag viele geisterfüllte Menschen. Seien Sie getrost: Wenn es mein Geist ist, von dem sie sich treiben lassen, dann werden die Kirchen am Ende auch wieder voller. Und geistvoller.

 Vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Uwe Birnstein


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ZUR PERSON
DER HEILIGE GEIST ist nach dem christlichen Glauben eine der drei Personen der »Trinität« und steht gleichbedeutend neben Gott-Vater und Jesus. Sein Wirken durchzieht die gesamte Bibel. Nach dem Neuen Testament hat er Jesus gezeugt, ist bei der Taufe in Form einer Taube erschienen und hat Jesus in die Wüste geführt. Der Apostel Paulus fordert die Gläubigen auf, »im Geist zu leben«, der aus der Knechtschaft in die Freiheit führe. Nach der Himmelfahrt Jesu hat Gott seine Kraft in Form des Heiligen Geistes auf die Gläubigen ausgegossen. An dieses Ereignis erinnern die Kirchen Pfingsten.
QUELLE: Bibel, u.a. Apostelgeschichte 2, Brief an die Römer 12, 2. Brief an die Korinther 3,6.
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sagen-sie-mal.de


Interviews mit Personen der Bibel



Der Autor und Theologe Uwe Birnstein interviewt zum ökumenischen Jahr der Bibel 2003 Jesus, Maria und andere prominente Männer und Frauen der Heiligen Schrift.
/03/2003_23_18_01.php
abgerufen 07.02.2012, 10.34 Uhr
zuletzt geändert 16.12.2009, 16.57 Uhr

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