Ausgabe - vom (Datum): 22-01.06.2003
Sagen Sie mal, Johannes,...
...in dieser Woche findet in Deutschland der erste ”kumenische Kirchentag statt. Es gibt Streit um das Abendmahl. Deshalb hat mich die Redaktion heute zu Ihnen geschickt, um herauszubekommen: Wie war das damals beim letzten Mahl Jesu mit Ihnen und Ihren elf Weggef„hrten?
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 | | Cimabue: Johannes, 1268-1271, Arezzo/Toskana. Foto: Archiv

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Johannes: »Ökumenisch«? »Kirchentag«? Ich verstehe nicht...
Entschuldigung, Sie stammen ja aus einer anderen Zeit. Ich muss Ihnen erklären: Seit Jesu Tod und Auferstehung haben sich seine Jünger im Lauf der Zeit in verschiedene Richtungen aufgeteilt.
Johannes: Osten, Süden - die ganze Welt sollte wissen von der Auferstehung unseres Herrn! Halleluja!
Nein, nein, mit »Richtungen« meine ich verschiedene Ausprägungen des christlichen Glaubens.
Johannes: Ausprägungen? Wozu das? In der Bibel steht doch, was Jesus wollte.
So einfach ist das nicht. Man kann es so deuten - und auch wieder so. Jedenfalls: Zwei der größten dieser Glaubensrichtungen - »Kirchen« nennen wir sie heute - laden nun zum ersten Mal gemeinsam zu einem großen Fest ein, dem »Kirchentag«. Der Kern des Streites ist dieser: Beide trauen sich nicht recht, gemeinsam Abendmahl zu feiern.
Johannes: Was hindert sie daran?
Wie ich sehe, ist es hauptsächlich die eine Kirche, die »katholische«: Sie sagt, Nur wer ihr angehört, dürfe den Leib und das Blut Jesu zu sich nehmen. Und die anderen, die »Evangelischen«, nicht. Also schon alleine, aber nicht mit den Katholischen.
Johannes: Ist ja der Hammer. Die sind ja strenger als Jesus?! Aber Menschen sind manchmal sehr grausam, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Warten Sie, ich suche nach einer Lösung...Wie wäre es, wenn die Evangelischen die Katholischen einladen?
Im Prinzip würden sie das ja machen. Aber dann schrecken die evangelischen Bischöfe zurück und meinen, sie könnten dadurch die Katholischen verärgern.
Johannes: Wollen die Katholiken nicht mitfeiern?
Also die meisten einfachen Christen schon, aber nicht die höher rangigen Priester.
Johannes: Oh mein Gott - was für eine verfahrene Situation. Bin ich froh, dass ich zu Jesu Zeiten gelebt habe. Da war alles ziemlich einfach, in dieser Hinsicht jedenfalls. Wir Jünger waren ein Herz und eine Seele. Nach der Auferstehung Jesu, nach Pfingsten lebten wir ziemlich harmonisch zusammen, halfen uns gegenseitig, brachen gemeinsam das Brot im Gedächtnis an Jesus. Und versuchten, seinen Willen zu erfüllen.
Bis auf Judas.
Johannes: Das stimmt. Dessen Geschichte könnte übrigens durchaus hilfreich sein für Ihre derzeitige Situation. Überlegen Sie mal: Jesus wusste, dass er der Verräter war. Und hat ihn trotzdem nicht vom letzten Mahl ausgeschlossen! Er hätte Judas fortschicken können, hätte sagen können: »Ich lad doch den, der mich verraten wird, nicht noch zum Abendmahl ein!« Hat er aber doch.
Über die Gründe weiß man nichts.
Johannes: Wir können unserem Herrn nicht ins Herz schauen. Aber eines steht fest: Wenn Christen Ihrer Zeit andere Christen vom Abendmahl ausschließen, nur weil sie etwas anders glauben, haben sie einen viel, viel nichtigeren Grund, als Jesus für Judas gehabt hätte. Oder wollen die Evangelischen die Katholischen etwa verraten?
Ach was.
Johannes: Sehen Sie! Richten Sie Ihren Kirchenoberen aus, dass sie sich an Jesus ein Beispiel nehmen sollen statt nach dem seltsamen Willen irgendwelcher Priester zu handeln. Und gehen Sie selbst mit gutem Beispiel voran! Schließen Sie sich zusammen mit den Gutwilligen beider Kirchen und feiern Sie Abendmahl! Wie ich Jesus kennen gelernt habe, wird er dabei sein.
Werd ich tun. Vielen Dank für das Gespräch.Interview: Uwe Birnstein
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