Ausgabe - vom (Datum): 21-25.05.2003
Taumel in den Abgrund des Krieges
Amberger Landesausstellung zeichnet das tragische Schicksal des »Winterkönigs« nach
»Wintterkinig, Sumerkinig, Lauchkinig, Nimmerkinig, Suppenkinig, ReichsEchter«, diesen Spottvers schrieb ein unbekannter bayerischer Schreiber auf das offizielle Hilfeersuchen des Königs an die Reichsstände, ein Dokument, das dieser 1620 bei seiner wilden Flucht aus Prag zurück lassen musste. Der geflohene »Winterkönig«, Friedrich V., das war der letzte Kurfürst aus der Oberen Pfalz. Seiner Geschichte ist in Amberg die Landesausstellung 2003 des Hauses der Bayerischen Geschichte gewidmet - ein sehenswertes Panorama der Zeit in Bayern und Deutschland am Rande und zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges.

 |  | König mit Ansprüchen, aber ohne Reich: Friedrich von der Pfalz als König von Böhmen mit Wenzelskrone und Reichsapfel auf einem 1634 posthum entstandenen Gemälde des Niederländers Gerrit van Honthorst. Foto: HdbG

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Ein Wittelsbacher war er, jener Friedrich, aus der rudolfinischen Linie, die die im Reich so bedeutsame Kurwürde innehatte, 1596 in oder bei Amberg in ein streng calvinistisches Elternhaus geboren. Als er 1614 Kurfürst wurde, da gehörten die Obere und die Untere Pfalz, die heutige Oberpfalz und die Pfalz noch zusammen. Amberg und die Obere Pfalz waren wohlhabend, man lebte gut von der Montanindustrie, auch wenn das Machtzentrum der Pfalz am Rhein lag. Die Heidelberger Residenz in der Unteren Pfalz war eine entscheidende Adresse unter den evangelischen Fürstenhöfen in Deutschland. Prachtvoll und gelehrt ging es dort zu, und auch mit der Eheschließung hatte Friedrich V. Glück. Seine Hochzeit in London mit Elizabeth Stuart, der Tochter des englischen Königs Jakob I., sorgte an allen Höfen Europas für Aufsehen.
Doch in München lauerte ein entfernter Verwandter aus der anderen Linie der Wittelsbacher, der katholische Herzog Maximilian I., und schielte nach der Kurwürde, die zur Kaiserwahl berechtigte. Und Friedrich, der alles zu haben schien, hatte am Ende alles verloren.
Ein Fürstenschicksal, tritt uns in der Amberger Landesausstellung des Bayerischen Hauses der Geschichte entgegen, das in seiner dramatischen Verkettung mit der europäischen Geschichte mehr als einen Roman wert gewesen wäre. Und doch ist der »Winterkönig« weithin unbekannt geblieben. Das mag auch daran liegen, dass der Friedrich von der Pfalz, den Schiller in seinem »Dreißigjährigen Krieg« schildert, ein Schwächling ist, ein der Situation nicht gewachsener Protagonist.
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 | | Friedrichs Gemahlin, Elizabeth Stuart, im Exil in Den Haag. Foto: HdbG

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Friedrichs Entscheidung seines Lebens war, die ihm nach dem Prager Fenstersturz 1618 von den rebellierenden protestantischen Ständen Böhmens angetragene Königskrone anzunehmen. Einfach gemacht hat er sich das sicher nicht. Hieß es doch, sich gegen die Habsburger zu stellen, gegen den Kaiser und nicht zuletzt den bayerischen Verwandten. Die erhoffte englische Unterstützung erwies sich als Luftschloss, Friedrich blieb allein. Nur einen Winter tanzte der evangelische König und sein Hofstaat in Prag. Europas Taumel in den Abgrund eines Religionskriegs, dessen Folgen in Deutschland für Jahrhunderte spürbar bleiben sollten, hatte bereits begonnen.
Der Bayernherzog Maximilian besiegelte das Schicksal Friedrichs: Die Obere Pfalz und die Kurwürde waren die Kriegsbeute des katholischen Feldherrn, der im November 1620 am Weißen Berg vor Prag die siegreichen Kaiserlichen und die katholische Liga gegen den »Winterkönig« führte. Ohne diesen sähe Bayern heute anders aus: In die Oberpfalz, die nun kurbayerisch und rekatholisiert wurde, kamen die Jesuiten und die Gegenreformation. Wer evangelisch bleiben wollte, musste das Land verlassen. Leisten konnte sich die Auswanderung vor allem die vermögende Oberschicht, die es in die evangelischen Reichsstädte Nürnberg und Regensburg zog.
Denn, man möchte es im heute so barocken Amberg kaum glauben, die Bewohner Ambergs und der Oberpfalz waren traditionell fest lutherisch gewesen. Schon 1538 hatte man sich auf Luthers Vermittlung mit dem in Salzburg geborenen Andreas Hügel den ersten Prediger der neuen Lehre in die Stadt geholt. Calvinistische Bilderstürmerei liebten die lutherischen Amberger nicht und so war immer wieder zu gewalttätigen Ausschreitungen der lutherischen Bevölkerung gegen die reformierte kurpfälzische Obrigkeit gekommen. Den Rekatholisierungsbestrebungen Herzog Maximilians wird solcher Zwist in die Hände gespielt haben.
Bewusst greift die Landesausstellung die Geschichte des Winterkönigs als ein gemeinsames europäisches, grenzüberschreitendes Erbe auf. Es ist mehr als eine Geste an die tschechischen Nachbarn, dass die gesamte Ausstellung durchgehend zweisprachig, deutsch und tschechisch gestaltet wurde. Nicht zuletzt erhofft man sich in der Oberpfalz auch touristische Impulse aus Böhmen, wo die Landesausstellung gezielt beworben wird.
Markus Springer
ÖFFNUNGSZEITEN: Die bayerische Landesausstellung 2003 »Der Winterkönig« ist bis 2. November zu sehen im Stadtmuseum Amberg und täglich von 9.30 bis 18 Uhr geöffnet. Internet: www.winterkoenig.de
KATALOG: Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog mit Multimedia-CD erschienen: »Der Winterkönig«, Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg 2003, 376 Seiten, 18 Euro.
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