Ausgabe - vom (Datum): 21-25.05.2003
Sagen Sie mal, barmherziger Samariter,...
...eigentlich haben Sie einen Orden der Nächstenliebe verdient.
Barmherziger Samariter: Nur weil ich einem hilflosen Menschen geholfen habe? Sie übertreiben. Ich habe nur das getan, was jeder andere auch getan hätte.
Eben nicht. Das wissen Sie genau. Oder kennen Sie nicht die Geschichte aus dem Lukas-Evangelium, die Ihnen ein Denkmal gesetzt hat?
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 | | Vincent Willem van Gogh: Der gute Samariter (1890), Otterlo, Rijksmuseum Kröller-Müller. Bild: sob

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Barmherziger Samariter: Nein. Ich? Tatsächlich? In der christlichen Bibel? Trotz meiner anderen Religion?
Allerdings. Wie Sie vielleicht wissen, geht es uns Christen nicht nur um Glauben, sondern auch ums Tun. Die Geschichte berichtet von zwei anderen frommen Männern, die vor Ihnen an dem Niedergeschlagenen vorbeikamen. Die beiden haben zwar geglaubt, aber nicht geholfen.
Barmherziger Samariter: Ja, so sind sie, die Frommen. Singen »Liebe ist nicht nur ein Wort«, halten den Zeigefinger hoch und sagen: »man müsste...«, »man sollte...« - nur wenn sie selbst gefordert sind, kneifen sie. Solche Menschen sind mir in meiner samaritischen Religion auch begegnet.
Sie dagegen haben sich löblicherweise Zeit genommen. Haben diesen Menschen notversorgt, ihn auf Ihren Esel gelegt und zur nächsten Herberge gebracht.
Barmherziger Samariter: Also Zeit hatte ich nicht direkt. Ich war auf dem Weg von Jerusalem hinab nach Jericho, wo ich wichtige Geschäfte zu erledigen hatte. Aber Zeitdruck kann doch kein Grund sein, jemanden in diesem Zustand einfach so liegen zu lassen. Einen, der blutet und stöhnt, in der Mittagssonne verdorren zu lassen. Ich bitte Sie!
Alle Achtung. Ihre Überzeugung imponiert mir. Und noch mehr, dass Sie auch daraus handeln.
Barmherziger Samariter: Das wundert mich wirklich bei vielen Christen, mit denen ich rede. Diese ewige Frage, ob Glaube und Handeln zusammengehören. Natürlich bilden sie eine Einheit! Wer an Gott glaubt und nicht so handelt, wie Jesus es ihm vorgelebt hat, der glaubt auch nicht richtig. Davon bin ich überzeugt.
Gilt das Ihrer Meinung nach auch umgekehrt? Was ist mit denen, die nur Gutes tun und nicht an Gott glauben?
Barmherziger Samariter: Schon wieder so eine theoretische Frage. Ich möchte zwei Antworten darauf geben. Zum einen denke ich, dass dem, der nicht an Gott glaubt, schnell der Atem ausgeht für seine barmherzigen Werke. Weil ihm eine Kraftquelle fehlt, aus der er schöpfen kann. Und zweitens ist mir eigentlich völlig egal, ob oder was jemand glaubt, der mir hilft, wenn's mir richtig dreckig geht. Dass er überhaupt hilft, wird Gott schon so erfreuen, dass sich jedes weitere Fragen erübrigt.
Eigentlich sind Sie als Samariter ein besserer Christ als die meisten.
Barmherziger Samariter: Iwoh. Ich bleibe bei meinem Glauben, Sie bei Ihrem. Man kann mit jeder Religion glücklich werden und andere glücklich machen - davon bin ich felsenfest überzeugt. Dieses ewige Schubladendenken nervt mich ziemlich. Sorgen wir beide einfach dafür, dass es in Ihren Kirchen und in meinen Tempeln menschlich und hilfsbereit zugeht.
Einverstanden. Vielen Dank für das Gespräch.
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