Ausgabe - vom (Datum): 21-25.05.2003
Die Kirche und der unmoralische Traum
Egal ob »Sprache Gottes« oder buntes Bilderchaos - Träume können Seelsorgern bei der Arbeit helfen
Jeder Mensch träumt wenigstens zwei Stunden pro Nacht. Ob er sich an seinen Traum erinnert und was er aus den nächtlichen Erlebnissen macht, ist eine andere Sache. Dass sich die Beschäftigung mit Träumen auch für Christen lohnt, davon sind die Kunsttherapeutin Waltraud Kirschke und der Theologe und Therapeut Hartmut Ast überzeugt. Die beiden leiten das »Traumbüro« in Hamburg.
Frau Kirschke, was haben Sie heute Nacht geträumt?
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 | | Josà de Ribera schuf 1639 dieses Ölgemälde »Jakobs Traum«, das im Madrider »Museo del Prado« zu sehen ist. Foto: Repro sob

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Kirschke: Ich bin heute im Traum einem Menschen begegnet, der in seiner Kindheit ein Eichhörnchen war. Ich war sehr neugierig und habe ihn ausgefragt. Die Antwort weiß ich nicht mehr - entscheidend war aber mehr mein großes Interesse. Für mich steht das Eichhörnchen für Leichtigkeit - das ist eine andere Seite von mir, nach der ich mich oft sehne. Der Traum zeigt, dass ich neugierig auf diese andere Seite bin.
Herr Ast, Sie sind Theologe. Welche Rolle spielen Träume in der Bibel?
Kirschke: Oft sind es wegweisende Träume, wenn beispielsweise der Engel Gottes erscheint und einen Auftrag ausspricht. Andere Träume zeigen die Verbindung zwischen der Welt Gottes und den Menschen. Bestes Beispiel: die Jakobsleiter. Die Träume in der Bibel zeigen, dass der Mensch Wegweisung und Unterstützung erfährt, wenn er sich diesen Dimensionen öffnet. Das gab es früher, und das gibt es heute auch noch.
Nun träumen wir aber selten von Engeln, die genaue Anweisung mitbringen, sondern oft verworrenes Zeug. Hat das auch etwas zu bedeuten, oder sind solche Träume nur zufälliges Produkt unserer Nervenbahnen?
Kirschke: Früher dachten Schlafforscher, dass Träume durch Impulse aus dem Stammhirn entstehen, wo weder Gefühl noch Denken existiert. Träume wären danach Blitzlichter aus dem Hirn, die irgendwie zu Bildern werden. Vor kurzem hat aber ein englischer Forscher entdeckt, dass auch höhere Gehirnareale, die etwas mit Wünschen und Bedürfnissen zu tun haben, an Träumen beteiligt sind. Träume können also unsere Sehnsüchte spiegeln, sie sind unsere innere Stimme.
Hat, wer nie träumt, keine Sorgen im Alltag, die er nachts aufarbeiten muss?
Kirschke: Wenn jemand mit seiner ganzen Person in seinem Alltag integriert ist, kann es sein, dass er keine Wunschträume braucht. Es kann aber auch sein, dass er nicht träumt, weil er sich nicht erinnern will. Wenn die Träume zu bedrohlich für seine persönliche Existenz sind, zensiert das Gehirn die Erinnerung daran. In vielen Angstträumen kommen verdrängte Konflike oder Eigenschaften hoch. Man wird von einem Tier oder Menschen verfolgt und rennt, wie im Alltag, weg. Manche Träumer schaffen es, sich im Traum umzudrehen und dem Verfolger in die Augen zu sehen. Dieses luzide Träumen hat etwas märchenhaftes, ist aber kein Weg, den jeder gehen kann.
Ihr gemeinsames Buch »Sprache der Seele« trägt den Untertitel »Traumdeutung in Alltag und Seelsorge«. Hat die praktische Theologie Träume bislang vernachlässigt?
Kirschke: Ja. In der theologischen Ausbildung herrscht immer noch der alte Konflikt zwischen Theologie und Psychologie. Dabei wird anhand eines Traums die Befindlichkeit eines Menschen deutlich, ohne dass er lange seine Lebensgeschichte erzählen muss. Traumdeutung ist ein Aspekt von seelsorgerischer Arbeit. Jedem Seelsorger kommen auch Träume zu Ohren. Die Frage ist: Wie gehe ich damit um?Kirschke: Noch Martin Luther betete, dass Gott ihn vor Träumen verschonen möge: Sie galten dem Christentum als sündhaft und unmoralisch. Zugleich existiert, gerade durch die Bibel, eine überhöhte Vorstellung von Träumen als Sprache Gottes. In Wirklichkeit können nicht nur eindeutige Botschaften, sondern auch bunte Bildfolgen als Werkzeug benutzt werden, um Menschen besser zu verstehen.
Zum Schluss: Verraten Sie uns ein klassisches Traumbild und seine Deutung.
Kirschke: Häufig ist das Motiv »Zähne«. Sie stehen für das positive aggressive Potenzial eines Menschen, ohne das man nicht leben kann. Wenn im Traum die Zähne ausfallen, ist der Betreffende vielleicht im Alltag nicht bissig genug und lässt sich deshalb von anderen seelisch verletzen.
Was wäre ein ungewöhnliches Traumbild?
Kirschke: Ungewöhnlich, aber doch weit verbreitet, sind Toiletten-Träume. Jemand muss im Traum dringend aufs Klo, er rennt und sucht und findet keins. Oder er findet eins, aber man kann von außen hineinsehen, oder es ist defekt, oder es steht mitten auf dem Marktplatz in einer Reihe mit vielen anderen. Die Toilette ist ein Ort, wo man Überflüssiges los wird. In vielen Fällen tragen die Träumer Seelenmüll mit sich herum, von dem sie sich nicht lösen können. Da hat man dann einen Traum, an dem man therapeutisch weiterarbeiten kann.
Interview: Susanne Petersen
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