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Ausgabe - vom (Datum): 21-25.05.2003




»Ich leide, also bin ich«

Der Schock-Künstler Flatz und der Fundamentaltheologe Gunther Wenz gemeinsam beim »Kunstdinner«


Kunstdinner der ESG
   Gepflegtes Ambiente beim Kunstdinner der ESG. Foto: Springer

München. Eine lange Tafel, kunstvoll gedeckt, ein Diner mit vier ausgezeichneten Gängen und garniert mit Kunst und gepflegten Gesprächen. Zu einem »Kunstdinner« hatten die Münchner Evangelische Studentengemeinde (ESG), Studentenpfarrerin Martina Rogler und Hochschulpfarrer Peter Marinkovic eingeladen, und eine kleine Schar Künstler, Theologen, Psychologen, Kunsthistoriker, Journalisten war zu dem »kommunikativen Abendessen« mit Musik in die Schwabinger Villa der ESG gekommen.

Wo man im sinnlichen Nebeneinander von Kulinarischem und Kunstdiskursen an vergangene Schwabinger Salonkultur erinnert war, vermittelte sich auch der Eindruck eines gelegentlich verständnislosen Nebeneinanders der beiden Deutekünste, der Theologie und des zeitgenössischen autonomen Kunstschaffens. »Ich leide, also bin ich«, so interpretierte in etwa der Theologe Gunther Wenz, Professor für Fundamentaltheologie und Ökumene an der Uni München, das Werk des anwesenden Künstlers Flatz, der unter dem Stichwort »Physical Sculpture« immer wieder auch schmerzhaft den eigenen Körper zum Thema seiner Kunst gemacht hat. Der gebürtige Vorarlberger, der sein Atelier auf der Münchner Praterinsel hat, zeigte Videos zweier seiner Arbeiten, mit denen der Künstler international für Aufsehen gesorgt hat.

In der Silvesternacht 1990 hatte sich Flatz in der alten Synagoge in Tiflis, Georgien, kopfüber aufhängen lassen und mit seinem Körper zwischen zwei Metallplatten das neue Jahr einläuten lassen. 2001 ließ er unter dem Titel »Fleisch« in Berlin einen Rinderkadaver von einem Hubschrauber abwerfen. Eine auf dieser Arbeit basierende Kruzifixdarstellung sorgte im vergangenen Jahr für einen kleinen Kunstskandal in der Münchner Gemeinde St. Lukas, die direkt gegenüber dem Atelier von Flatz liegt. Der Kirchenvorstand lehnte es damals ab, die sehr drastische Darstellung - wie vom Kunstausschuss vorgeschlagen - in der Passionszeit zu zeigen.

Während es Flatz mit seiner Kunst in die Kirche drängt (»die Kunst muss raus aus dem Kunstraum«), drängt es die Theologie heraus aus den Kirchenmauern, den enteilenden Schäfchen hinterher. Gelegentliches Aneinandervorbeireden gehört wie selbstverständlich zu dieser gegenläufigen Bewegung: »Kunst gibt keine Antworten, sondern sie stellt Fragen«, fasste Flatz im Diskurs nach Tisch die Aufgabe der Kunst zusammen. »Religion ist die Kunst des Umgangs mit den Fragen, die prinzipiell keiner Antwort zuzuführen sind«, erwiderte der Theologe Wenz. Und auch dass der Schock-Künstler Flatz einst Ministrant war und sehr bald an den »Täuschungen«, den Differenzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit im Leben erklärter Christen Anstoß nahm, erfuhr der kleine Kreis der Dinnergäste je später der Abend wurde.

Auch wenn sonst vom Thema des Abends »Täuschend echt und echte Täuschung« bemerkenswert wenig die Rede war und der Idee vielleicht noch mehr Resonanz zu wünschen gewesen wäre: Ein anregender, ein unterhaltsamer Abend war es allemal - zudem ein angenehmer Kontrast zur in kirchlichen Veranstaltungen meist unvermeidlichen Fichtenholz- und Birkenstock-Ästhetik. Im Herbstsemester soll es ein weiteres Kunstdinner geben.

ms


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abgerufen 07.02.2012, 10.52 Uhr
zuletzt geändert 16.12.2009, 16.57 Uhr

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