Ausgabe - vom (Datum): 21-25.05.2003
ZEITZEICHEN
So stellen wir ihn uns vor, den nachgerade idealtypischen Deutschland-Reisenden: Heidelberg und Hofbräuhaus im »guide germany« dick unterstrichen, Rothenburg und Reichstagskuppel, last not least Neuschwanstein unverzichtbar fürs Urlaubsalbum in Übersee. Na gut, fürs klassisch gebildete Minderheitenpublikum vielleicht noch ein Blick durch den Flur des Weimarer Goethehauses.
Die Wahrheit, so hat jüngst der Deutsche Tourismusverband (DTV) ermittelt, ist eine andere. Kein Schloss und kein verwinkeltes Kleinstadtgässchen ist Deutschlands touristische Top-Attraktion. Sondern eine Kirche: Sechs Millionen Leute besuchten einer DTV-Erhebung zufolge im vergangenen Jahr den Kölner Dom, eine sensationell hohe Zahl, die den Zweitplatzierten, die Rüdesheimer Drosselgasse, gleich um das Doppelte übertrifft.
Aus Bayern findet sich neben Rothenburg und Neuschwanstein auch das Deutsche Museum unter den Top Ten, wohingegen Goethes Weimarer Domizil unter ferner liefen rangiert, immerhin einige Plätze vor der Villeroy und Boch Manufaktur in Mettlach. Der Kölner Dom bleibt sogar dann Spitzenreiter, wenn man die Kategorie »Veranstaltungen und Events« mithineinrechnet, in der, wen wundert's, das Münchner Oktoberfest den unangefochtenen Sieg davongetragen hat (5,9 Millionen).
Über die Bedeutung der Kirche für den abendländischen Zeitgeist sagt die stolze Besucherzahl des Kölner Doms freilich nur wenig aus. Vielleicht eher der folgende Vergleichswert: Zum Ersten Ökumenischen Kirchentag in Berlin am kommenden Wochenende werden rund 200.000 Besucher erwartet. Beim Rosenmontagszug in Düsseldorf waren es 1,25 Millionen.
thg
Übersicht | Druckversion | Textdatei
|