Ausgabe - vom (Datum): 20-18.05.2003
Sagen Sie mal, Adam,...
...Frauen haben uns ganz schön in der Gewalt, was?
Adam: Sie vielleicht. Mich jedenfalls nicht.
Ach. Sie haben sich immerhin von Ihrer Frau dazu verführen lassen, eine verbotene Frucht zu essen...

 |  | Vertreibung aus dem Paradies

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Adam: Verführen lassen? Dieses Gerücht hält sich ja wirklich hartnäckig. Als ob wir Männer nicht selbst wissen, was wir wollen und tun. Als ob wir Weicheier wären. Ich wollte diesen Granatapfel essen, verstehen Sie? Sie unterschätzen mich maßlos, wenn Sie meinen, ich hätte ihn nicht aus freiem Willen genommen. Eva war zwar dominant. Aber so sehr hatte sie mich nicht im Griff.
Sie wollten wirklich etwas tun, was Gott Ihnen absolut verboten hatte?
Adam: Das Verbotene übt halt immer einen besonderen Reiz aus, diese Erfahrung kennen Sie doch sicherlich selbst. Außerdem: Es war ziemlich langweilig da im Paradies. Die meisten stellen sich das immer so toll vor. Aber Eva und mir fehlte der Kick. Die Leidenschaft.
Die Leidenschaft ist dann erwacht...
Adam: Später. Zuerst war nur Schüchternheit da. Wir sahen uns an und erkannten, dass wir unterschiedlich sind. Eine Tatsache, die wir vorher aus unerklärlichen Gründen gar nicht wahrgenommen hatten. In mir rief das Scham hervor. In Eva übrigens auch.
Also banden Sie sich Blätter um die Lenden.
Adam: In der Tat. Die Unschuld war dahin. Wir waren uns so vertraut, wir waren praktisch ein Wesen. Und nun mussten wir merken, dass jeder für sich lebte. Als einzelner, eigenverantwortlicher Mensch. Merkwürdigerweise konnten wir uns danach aber viel näher kommen. Vielleicht ist Abstand eine unerlässliche Voraussetzung zum Verschmelzen.
Da würden Ihnen Paartherapeuten sofort zustimmen. Wer 24 Stunden am Tag zusammen ist, wird über kurz oder lang das Interesse aneinander verlieren.
Adam: Genau so ist es uns ergangen. Wir hatten nichts zu tun, streiften tagsüber durch das wunderschöne Naturparadies, um abends nebeneinander einzuschlafen. Nie mussten wir uns Sorgen machen, wir haben uns nicht gestritten, hatten keine Aufgaben zu erledigen. Am Ende lagen wir nur noch wie erstarrt in unseren Hängematten. Ein paradiesischer Horrorzustand sozusagen.
Wollen Sie damit sagen, dass es Ihnen nach der Vertreibung besser ging als vorher?
Adam: Auf jeden Fall. Gott hatte sich nämlich geirrt. Als Strafe hatte er mir auferlegt, unfruchtbare Böden zu bepflanzen und ein Leben im Schweiße meines Angesichts zu führen. Das war keine Strafe, sondern gewissermaßen eine Erlösung. Es stimmt, das Leben war hart. Und doch war es schöner. Erfüllter. Verstehen Sie? Wir hatten Aufgaben, an denen wir wachsen konnten. Die Langeweile war wie weggeblasen.
Hat dies Ihrer Beziehung zu Eva auch gut getan?
Adam: (schmunzelnd) Überlegen Sie mal, weshalb Kain und Abel nicht schon im Paradies geboren sind.
Komisch. Immerhin hatte Gott gedroht, er wolle »Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe.«
Adam: Ach, Feindschaft. Frauen und Männer sind nun mal grundverschieden. Ja, wir haben uns gestritten, oft flogen die Fetzen. Aber an unserer Andersartigkeit sind wir dennoch gereift. Außerdem waren die Versöhnungen eine prickelnde Begleiterscheinung unserer »Feindschaft«. Deshalb habe ich das Leben vor den Toren des Gartens Eden den Rest meines langen Lebens der paradiesischen Langeweile vorgezogen. Wir haben geschuftet, hatten Sorgen mit den Kindern, hatten oft Hunger - und doch waren wir beide glücklich. So richtig glücklich.
Es gibt kein Zurück?
Adam: Nie mehr.
Vielen Dank für das Gespräch.
Interview: Uwe Birnstein
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