Ausgabe - vom (Datum): 20-18.05.2003
Kirche muss sparen, aber:
Kein Rückzug aus der Gesellschaft
Der Sparkurs der bayerischen Landeskirche nimmt Konturen an. Nach einer Arbeitsgruppe der Landessynode hat nun auch der Landeskirchenrat Vorschläge unterbreitet, wie der kirchliche Haushalt in den nächsten Jahren um 90 Millionen Euro reduziert werden kann. Damit übergemeindliche Aufgaben weiterhin wahrgenommen werden können, sollen auch die Gemeinden einen Sparbeitrag erbringen.
Von Helmut Frank
Foto: argum
Dass Ehrenamtlichen Lob, Dank und Anerkennung gebührt, und dies beinahe schon zu den Leitsätzen der bayerischen Kirche gehört, ist nicht zuletzt ein Verdienst der Landessynode. Da erscheint es wie eine Ironie des Schicksals, dass nun ein paar Mitglieder dieses Gremiums fast ausnahmslos Kritik erfahren, Undank und Verwünschungen - für einen ehrenamtlichen Job.
Er habe noch nie so viele »Ohrfeigen und Schläge unter die Gürtellinie« einstecken müssen wie in den vergangenen Wochen, klagt Heinrich Götz, Rektor der Augsburger Diakonissenanstalt und Leiter des synodalen Lenkungsausschusses. Götz hatte auf der Würzburger Frühjahrssynode Anfang April der Landeskirche Vorschläge unterbreitet, wie in den nächsten Jahren 76 Millionen Euro eingespart werden können. Das detaillierte Papier, bald als »Giftliste« in aller Munde, erschütterte die bayerische Kirche bis ins Mark. Manche Einrichtungen sollten ihre Zuschüsse um die Hälfte reduzieren, andere auf Null herunter gefahren werden.
Seither ist die Kirche lebendig wie nie. Betroffene Dienststellenleiter geben sich im Münchner Landeskirchenamt die Klinke in die Hand, Lobbyisten umschmeicheln kirchliche Leitungsgremien. Jubiläen von Einrichtungen werden zu Festwochen deklariert, die die Bedeutung des Arbeitsbereiches unterstreichen sollen, Oberkirchenräte und Synodale werden eingeladen und »pro domo« eingespannt.
»Mein Dekansamt kann ich derzeit vergessen«, klagt Hans Peetz, Mitglied des Lenkungsausschusses aus Bayreuth. Schon das Porto der verschickten Resolutionen zu den Sparbeschlüssen hätte einige Stellen gerettet, sagt ein Referent aus dem Landeskirchenamt, der einen verstärkten Posteingang beobachtet.
Doch auch der Widerstand wächst. Religionslehrer gehen auf die Barrikaden, Mitarbeiter der Erwachsenenbildung, die von den Sparvorschlägen besonders betroffen sind, wollen die Entscheidungsträger der Landeskirche in den nächsten Wochen mit Protestschreiben eindecken. Man lasse sich gern auf den Prüfstand stellen, aber nicht »aufs Abstellgleis«, sagte der oberste evangelische Erwachsenenbildner Ludwig Markert.
Vielleicht wird die Briefflut nicht nötig sein. Landesbischof Johannes Friedrich erklärte profilierte Erziehungs- und Bildungsarbeit bei einer Pressekonferenz in München am vergangenen Montag zur Priorität im übergemeindlichen Bereich - neben Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Verkündigung in den Medien und dem diakonischen Auftrag.
Friedrich präsentierte als Vorsitzender des Landeskirchenrates ein Sparkonzept, das den jährlichen Haushalt um 90 Millionen Euro entlasten soll - von 692 Millionen Euro im vergangenen Jahr auf 602 Millionen im Jahr 2006. Die lahme Konjunktur, Eichels Steuerreform, Kirchenaustritte und die Überalterung der Mitglieder zwingen die Kirche zum Handeln.
Von den 76 Millionen des Vorschlags der Lenkungsgruppe erwiesen sich nach Prüfung durch die Fachabteilungen 44 Millionen als realisierbar. Da für die Personalkosten rund 76 Prozent der Kirchensteuereinnahmen verwendet werden, muss nun auch bei den Pfarrern gespart werden. Der Personalabbau soll die »natürliche Fluktuation nutzen und auf freiwilliger Grundlage erfolgen«, so der Bischof. Durch Wechsel in den Ruhestand sollen in den nächsten Jahren zunächst die 100 außerplanmäßig eingerichteten Pfarrstellen abgebaut werden, die für die starken Theologenjahrgänge der vergangenen Jahre geschaffen wurden.
Nach einer neuerlichen Landesstellenplanung im Jahr 2009 sollen es dann bis 2012 insgesamt 282 Pfarrstellen weniger sein, was einem Einsparvolumen von rund 21,3 Millionen Euro entspricht. Mit Vakanzregelungen und der Zusammenlegung von Kirchengemeinden soll die Situation bewältigt werden. Wenn es eng wird, ist laut Friedrich ab 2006 ein zeitweiliger Verzicht auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld und notfalls sogar eine Gehaltskürzung denkbar. »Betriebsbedingte Entlassungen finden bis Ende 2005 jedoch nicht statt«.
Nur wenn die geplanten Maßnahmen zum Stellenabbau nicht greifen, könnte es ab 2006 zu Kündigungen kommen. Doch auf keinen Fall im Bereich der beamtenrechtlich abgesicherten Theologen. Wichtig ist dem Bischof die Botschaft an junge Menschen, die Pfarrerin oder Pfarrer werden wollen: »Jeder, der jetzt ein Theologiestudium beginnt, wird eine Stelle finden«, verspricht Friedrich.
Neben Pfarrgehältern soll in den Gemeinden auch an Sachkosten, nichttheologischem Personal und Baukosten gespart werden, perspektivisch jedoch in allen Bereichen um 15,51 Prozent.
In einem wesentlichen Punkt unterscheiden sich die Vorschläge des Landeskirchenrates von der Sparliste der Synode: Die übergemeindlichen Dienste sollen prozentual nicht mehr sparen als die Kirchengemeinden. Beide Bereiche sollen um die 25 Millionen Euro erbringen, jede Berufsgruppe in der Kirche soll einen Kürzungsbeitrag von 15,51 Prozent leisten.
Die synodale Lenkungsgruppe war vor allem durch ihre Verengung der Zukunftsvision »Kirche vor Ort« auf die Kirchengemeinden in die Kritik geraten. Die Münchner Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler beispielsweise warnte vor einem Rückzug der Kirche aus der Gesellschaft. Die Kirche dürfe sich nicht in »irgendwelche Nischen verkrümeln« oder »hinter dem Kirchturm der Kerngemeinde verstecken«, sagte sie. »Gemeinde vor Ort« und »Kirche in der Welt« ließen sich nicht trennen.
Die Augsburger Stadtdekanin Susanne Kasch widersprach der Vorstellung, die Zielgruppen von Bildungszentren oder Medien könnten ersatzweise in den Kirchengemeinden angesiedelt werden. Verkündigung, Seelsorge, Diakonie und Spiritualität finde in einer Großstadt wie München nicht nur in Gemeinden sondern »an vielen Orten, an denen Kirche präsent sein muss, statt«, schrieb Dekan Hans-Dieter Strack in einer Stellungnahme an den Landeskirchenrat.
»Rasenmäher mit Feinschnitt«
Auch Landesbischof Friedrich warnte bereits in Würzburg davor, parochiale und überparochiale Angebote gegeneinander auszuspielen. Wie es scheint, bleibt durch die gleichmäßig verteilten Kürzungen das gewachsene Profil der Kirche erhalten, auch wenn in einigen Bereichen die Eigenerwirtschaftungsquote erhöht werden muss.
Von den 90 Millionen Euro Einsparvolumen werden derzeit noch Einzelposten in Höhe von rund 15 Millionen Euro geprüft. Nach Worten des Vizepräsidenten der Landessynode, Heinrich Götz, besteht zwar ein »weit reichender Konsens über Einsparsummen und über Inhalte«, doch müssten »in einigen Punkten« noch Meinungsunterschiede geklärt werden.
Das Sparmodell des Landeskirchenrates stellte Friedrich als »Rasenmäherprinzip mit Feinschnitt« vor. Keine Einrichtung soll ganz vom Zuschuss abgeschnitten werden, andere moderat gekürzt werden. So soll der Zuschuss für den Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) soll anstelle der vorgeschlagenen 50 Prozent nur um 25 Prozent zurückgefahren werden. Die Sonderpfarrstellen sollen weniger gekürzt werden als vorgesehen. Die Stelle des Politikbeauftragten soll bleiben, die des Umweltbeauftragten oder Schwerhörigenseelsorgers lediglich halbiert werden.
Nicht aufgegeben werden soll der Kindertagesstätten-Landesverband, doch würden Kindergärten und Horte zu einer Gebührenanpassung aufgefordert, um Kürzungen von rund einer Million Euro ausgleichen zu können. Anstelle der geplanten 33 Prozent soll der Evangelische Presseverband für Bayern (EPV) nun rund 15 Prozent weniger Zuschuss erhalten.
Härter treffen werden die Zuschusskürzungen Friedrich zufolge unter anderem das Missionswerk Neuendettelsau sowie das Amt für Gemeindedienst in Nürnberg, das 724.000 Euro statt der vom Lenkungsausschuss vorgeschlagenen 600.000 Euro sparen soll. Auch im Bereich der Schulen wird wohl stärker gekürzt werden - insbesondere bei der Schulstiftung, mit der entsprechende Gespräche geführt würden.
Der Haushalt 2004, der auch Eckwerte für die Jahre 2005 und 2006 enthält, soll von der Landessynode im November in Bad Reichenhall beschlossen werden. Bis dahin werden die Kürzungsvorschläge noch weitere Stationen durchlaufen - darunter Handlungsfeld- und Dekanate-Konferenzen und den Landessynodalausschuss, der am 28. Juni tagt. An einem Ausschusstag am 5. Juli will die Synode über die Vorschläge beraten, der Landeskirchenrat nochmals am 7. Juli.
Die Ergebnisse müssen dann nur noch den synodalen Finanzausschuss am 16. Juli passieren und am 18. Juli den Landessynodalausschuss, bevor dann die in Bad Reichenhall tagende Synode über den Haushalt beschließen kann, den Finanzreferent Oberkirchenrat Claus Meier für den Landeskirchenrat einbringen wird.@Wie kirchliche Dienststellen und Gemeinden neue Finanzierungsquellen erschließen können, lesen Sie im Internet unter www.sonntagsblatt-bayern.de
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