Ausgabe - vom (Datum): 19-11.05.2003
Sagen Sie mal, Totenbeschwörerin,...
...oder sollte ich besser »Hexe« sagen?
Totenbeschwörerin: Bloß nicht. Da denken ja Ihre Leserinnen und Leser sofort an eine kauzige Alte mit Hakennase und schwarzem Kater auf der Schulter. Bleiben Sie bei »Totenbeschwörerin«...
... oder »Wahrsagerin«? So hat Martin Luther Sie genannt.

 |  | Paul Troger: »König Saul bei der Hexe von Endor« (Ausschnitt), um 1735. Foto: Kunsthalle Karlsruhe

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Totenbeschwörerin: Auch nicht schlecht. Haben Sie eigentlich mehrere Wahrsager in Ihrer Heiligen Schrift?
Nicht wirklich. Es sei denn, man rechnet die Propheten dazu, die bekanntlich auch einiges vorhersehen konnten. Mit einem Unterschied...
Totenbeschwörerin: ...den ich kenne: Die Propheten bezogen ihre Zukunftssicht direkt von Gott. Ich dagegen befragte die Toten.
Eine Praktik, die heutzutage die meisten Christen als Humbug abtun.
Totenbeschwörerin: Ich weiß. Aber das stört mich nicht im Geringsten. Wenn Sie meine Geschichte in der Bibel lesen, wissen Sie, dass meine Vorhersage eintraf.
Das hat mich nachdenklich gemacht. Tatsächlich ist Israels König Saul gestorben im Kampf gegen die Philister.
Totenbeschwörerin: Das sollte Sie von meiner Methode überzeugen.
Aber ich bitte Sie: Als aufgeklärter Mensch kann ich doch nicht daran glauben, dass man Tote beschwören und befragen kann!
Totenbeschwörerin: Ach, ihr aufgeklärten Menschen... Dann hätten Sie mich und meinesgleichen wie Saul damals am liebsten auch in die Wüste geschickt? Nach dem Motto »Dass nicht sein kann, was nicht sein darf«?
So nicht, aber ich hätte zumindest psychologische Gutachten in Auftrag gegeben und Ihnen eine Therapie ans Herz gelegt.
Totenbeschwörerin: Bedenken Sie bitte: König Saul hatte alle Wahrsager und Sterndeuter aus dem Land vertrieben. Aber dann, als er in ernsthafter Not steckte, besann er sich eines Besseren. Vielleicht hat er mich nur in En-Dor wohnen lassen, weil er ahnte, er würde mich eines Tages brauchen. Sie können solche Fähigkeiten nicht wegreden oder wegtherapieren. Was meinen Sie, weshalb ich in der Bibel stehe? Als Negativbeispiel sicherlich nicht. Gottes Wege sind unergründlich, das sollten Sie wissen.
Fakt ist, dass auch unsere Leserinnen und Leser nicht an Totenbeschwörung glauben.
Totenbeschwörerin: Ich behaupte das Gegenteil. Viele Menschen auch Ihrer Zeit sprechen mit ihren Toten. Mit ihren verstorbenen Ehemännern und -frauen zum Beispiel. Das trauen sich nur die wenigsten zu sagen.
Also ist das kein Argument. Oder kennen Sie Studien?
Totenbeschwörerin: Studien, Untersuchungen, Analysen... Dass ich nicht lache. Hab ich gar nicht nötig. Ich hab auch jetzt noch immer ein volles Sprechzimmer. Gefüllt mit Menschen, denen die Kirche sagt: »So was gibt es nicht, wenn ein Mensch tot ist, ist er tot!« Das verkündigen Priester, die im nächsten Atemzug davon reden, dass Jesus nach drei Tagen aus dem Reich des Todes zurückgekommen sei!
Nur er konnte das. Weil er der Sohn Gottes ist.
Totenbeschwörerin: Papperlapapp! Heißt es nicht, wir sind alle Gottes Kinder? Dann können wir es auch alle! Mir scheint, die Menschen haben nur Angst davor, mit der Welt des Todes in Verbindung zu treten. Nur wer einen Menschen verloren hat, weiß vielleicht um die Möglichkeit, Rat zu finden bei den Toten. Darf ich etwas fragen?
Nur zu.
Totenbeschwörerin: Sprechen Sie nie mit Ihrer Mutter?
Naja, manchmal stell ich mir schon vor, was Sie gesagt hätte zu einigen Sachen, die mir in meinem Leben passieren.
Totenbeschwörerin: Sehen Sie: Auf dieser Ebene können wir uns weiter unterhalten.
Jetzt wird's mir zu gefährlich. Ich danke Ihnen für das Gespräch.
Interview: Uwe Birnstein
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