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Ausgabe - vom (Datum): 18-04.05.2003




MEDIEN-KOLUMNE

Nachlesen hilft

Meditiert man als Medienwissenschaftlerin die so genannte »Giftliste«, die anlässlich der vergangenen Synode, dem haushaltsverantwortlichen »Kirchenparlament« der bayerischen evangelischen Kirche also, von einer bedauernswerten Lenkungsgruppe den Synodalen vorgelegt wurde, dann wird einem schwarz vor den Augen oder man sieht rot. Nein, eher: Man sieht den Anfang vom Ende einer unabhängigen evangelischen Medienarbeit am Horizont heraufziehen.

Abonnenten und Kirchensteuerzahler, kirchliche Mitarbeiter und Medienmacher, sie alle konnten bislang eine in einem freien Verband organisierte unabhängige Pressearbeit erwarten: Kritische Begleitung also und was zur Chronistenpflicht gehört, ein Forum der unterschiedlichsten Stimmen und Strömungen in der Kirche und nicht zuletzt einen großen Integrationsfaktor. Nun könnte man in den nächsten Jahren Zeuge des Niedergangs einer freien evangelischen Publizistik in Bayern werden.

Die Alternative ist die presseamtliche Publizistik, die im Landeskirchenamt redigiert und von Oberkirchenräten inhaltlich abgesegnet wird. Öffentlichkeitsarbeit ist Pflicht und Recht einer Institution. Aber sie muss begleitet werden von einer unabhängigen Publizistik, sonst wird das Bild der evangelischen Kirche einheitlich - Verlautbarungspublizistik, Vatikanisierung sind die Folgen.

Von den Äußerungen eines Großverbands, wie ein Unternehmerverband oder die Gewerkschaft ihre Interessen vertritt, ist das dann nicht mehr zu unterscheiden. Kirche wird so in der Gesellschaft nicht mehr als eine lebendige, pulsierende, im kontroversen Gespräch befindliche gesellschaftliche Gruppe wahrgenommen.

Die unausgesprochenen Prioritäten dieser »Giftliste« und ihre kulturellen Folgen sind mehrfach debattiert worden: Es sei hier zum Thema Presse noch einiges hinzugefügt. Manchmal hilft es ja, sich zu informieren, bevor man streicht. Und öfter als man in der Kirche gemeinhin meint, hilft auch weiter, was saubere seriöse und engagierte wissenschaftliche Arbeit an den theologischen Universitäten zu einer zukunftsweisenden Urteilsfindung beitragen kann.

Der junge Theologe und Medienwissenschaftler Roland Rosenstock hat kürzlich im Kreuz Verlag seine, von dem Synodalen Professor Michael Schibilsky betreute Doktorarbeit auf den Markt gebracht. Sie befasst sich sehr gründlich und aufmerksam mit der Geschichte der evangelischen Presse im 20. Jahrhundert.

Eines wird bei der Lektüre zur traurigen Wahrheit. Die evangelische Kirche war nie - auch nicht nach dem Krieg - ein Hort der Pressefreiheit. Die Existenz einer freien Presse war - auch unter Protestanten - immer ein Gut, das nicht als Grundversorgung einer meinungsoffenen, pluralen Kirche, sondern als ein von Kirchenoberen abgerungener, erkämpfter Gnadenakt angesehen wurde.

So kann man bei Rosenstock in einem Schreiben von 1946 an den Rat der EKD nachlesen: »Es ist Einstimmigkeit darüber vorhanden, dass die Zeit der Presseverbände alten Stils vorüber ist. Eine enge Verbindung der Pressestellen, Presseverbände mit den Kirchenleitungen ist erforderlich...«. Und der ehemalige Leiter des Evangelischen Presseverbands Rheinland, Ludwig Seiler, schrieb wegen dieser Entwicklung besorgt: »Die große Kunst der Männer, die heute unsere Kirche leiten, ist, dass sie alles können. Sie wissen natürlich auch, dass sie Pressearbeit können. Wir werden hier furchtbares Lehrgeld bezahlen, wenn wir die Eingriffe von Dilettanten auf diesem schwierigen Gebiet wirklich dulden. Eine Bindung evangelisch-kirchlicher Presse kann nur in der Freiheit der Selbstverantwortung geschehen.«

Man kann nicht sagen, dass die evangelische Kirche im Jahr 1946 furchtbar viel Geld hatte. (In der ehemaligen DDR war die evangelische Presse der dort gar nicht betuchten Kirche die einzige freie Presse im Lande.) Aber Rosenstocks Arbeit zeigt auch auf, dass der Umgang mit Geld stets von der Kultur, dem herrschenden Geist in einem Gemeinwesen zeugt. Die vorgelegten Sparpläne gefährden im Bereich der Pressearbeit die Kirche als einen lebendigen, dynamisch gestaltenden Teil der Öffentlichkeit. Manchmal hilft es, nachzulesen.

Johanna Haberer

 Johanna Haberer beobachtet in einer monatlichen Kolumne die Medienlandschaft. Die Autorin, vormalige Chefredakteurin des Sonntagsblattes, ist Professorin für Christliche Publizistik an der Theologischen Fakultät Erlangen.


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  Roland Rosenstock: Evangelische Presse im 20. Jahrhundert.
Kreuz Verlag Stuttgart, 2002, 569 Seiten, 39,90 Euro



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abgerufen 17.04.2014, 23.22 Uhr
zuletzt gešndert 16.12.2009, 16.57 Uhr

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