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Ausgabe - vom (Datum): 18-04.05.2003
Sagen Sie mal, Tochter Jeftahs,...
...bisher hatte ich gedacht, der Gott der Bibel verabscheue Menschenopfer. Ihr Schicksal hat mich eines Besseren belehrt.
Jeftahs Tochter: Man lernt nie aus. Ich war auch sehr verwundert, als mein Vater mich eigenhändig umbrachte. Allerdings muss ich Ihnen widersprechen: Er hat es getan, weil er meinte, sein Gelübde erfüllen zu müssen. Mit Gottes Willen hatte das gar nichts zu tun.
Ich meine schon. Immerhin hätte Gott eingreifen und den Mord verhindern können. So wie damals, als Abraham seinen Sohn Isaak opfern wollte und ein Engel dazwischenfuhr.
Jeftahs Tochter begrüßt ihren heimkehrenden Vater. Repro: sob
Jeftahs Tochter: Das hat mich auch gewundert, in der Tat. Bis zur letzten Sekunde dachte ich: Keine Panik, Gott wird eingreifen. Dass mich mein Vater, der mich über alles liebte, umbringen würde - das übertraf sämtliche Vorstellungen. Aber ich musste lernen: Liebe schützt vor Verblendung nicht.
Verblendung?
Jeftahs Tochter: Ja. Oder nennen Sie's Fanatismus. Ich sah es Jeftah an, als ich ihm begegnete. Da war so ein leicht irrer Ausdruck in seinen Augen. So fremd, so verbohrt. Und gleichzeitig so verzweifelt.
Das verstehe ich gut: Sie kommen ihm tanzend entgegen, wollen mit ihm seinen Sieg gegen die Ammoniter feiern. Und ihm schießt sein Gelübde in den Kopf, das er Gott vor der Schlacht abgelegt hatte: Sollte er heil aus dem Krieg zurückkehren, wollte er das Erste, das ihm aus seiner Haustür entgegenkommt, als Brandopfer darbringen. Dumm gelaufen.
Jeftahs Tochter: Kann man so sagen. Er brach vor mir zusammen, als ich aus der Tür trat. Das Abstruse an der Sache: Er klagte mich an, dass ich ihn betrüben würde! Und redete dann etwas davon, dass er sein Gelübde nicht widerrufen könnte. Das ist Fanatismus: Schließlich will Gott immer das Leben und nie den Tod.
Der eigene Vater überbringt ein Todesurteil und wird es selbst als Henker ausführen.
Jeftahs Tochter: Genau so. Um das konsequent über die Bühne zu bringen, bedarf es einer gehörigen Portion Fanatismus. Wie ich am Anfang sagte: Ich bin fest davon überzeugt, dass Gott es nicht wollte. Aus unerfindlichen Gründen nahm mein Vater seinen Glauben ernster als mich. Er opferte sein Liebstes - ich war sein einziges Kind! -, um sich treu zu bleiben. Da sage noch einer, Religion und Gewalt würden sich ausschließen. Von dieser Vorstellung bin ich geheilt.
Der englische Dichter Lord Byron hat ein Gedicht über Sie verfasst. Demnach haben Sie selbst Ihren Vater aufgefordert: »Dein Gelübde vom Feind uns befreit / durchbohr mich, ich stehe bereit.«
Jeftahs Tochter: So ein Quatsch. Ich kenne dieses Machwerk. Am Ende legt dieser Byron mir in den Mund: »Und vergiss nicht, dass ich lächelnd starb.« Das ist Gewaltverherrlichung übelster Machart. Mich hat niemand gefragt. Nicht einmal einen Namen hat mir die Bibel gegeben! Mein Vater ist als »großer Richter Israels« in die Geschichte eingegangen, und ich bin quasi als lästiges Menschenopfer bei Seite geschoben worden. Nachdem Jeftah mich hingerichtet hatte, erschlug er 42.000 Efraimiten - was macht da schon eine Tochter? Ich sage Ihnen: Wenn mein Tod einen Sinn gehabt haben sollte, dann diesen: als Lehrstück darüber, wie man Glauben missbrauchen kann.
Ich danke Ihnen für das Gespräch.
Interview: Uwe Birnstein
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| ZUR PERSON |
JEFTAHS TOCHTER, die in der Bibel nicht namentlich erwähnt wird, wurde Opfer ihres eigenen Vaters. Jeftah, Sohn einer Dirne, war einer der bedeutendsten und gottesfürchtigsten »Richter« des vorstaatlichen Israels. Als der gottesfürchtige Heerführer nach dem Sieg über die Ammoniter nach Hause kam, begrüßte ihn seine Tochter »mit Pauken und Reigen«. Sie wusste nichts von seinem Gelübde: Nach einem Sieg wollte er das, was ihm als erstes aus der Haustür entgegenkommt, Gott als Brandopfer darbringen. Zwei Monate lang beweinte Jeftahs Tochter mit ihren Freundinnen ihre Jungfrauenschaft. Dann ging sie zurück, und »Jeftah tat ihr, wie er gelobt hatte«. QUELLE: Buch der Richter 11-12 | @ Haben Sie Fragen an Menschen aus der Bibel? Stellen Sie sie ins Internet: www. sagen-sie-mal.de |
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| Der Autor und Theologe Uwe Birnstein interviewt zum ökumenischen Jahr der Bibel 2003 Jesus, Maria und andere prominente Männer und Frauen der Heiligen Schrift. |
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