Ausgabe - vom (Datum): 18-04.05.2003
»Inakzeptabel, fachlich blödsinnig, verwunderlich«
Viele Einrichtungen wehren sich gegen die Sparvorschläge der synodalen Lenkungsgruppe
Nürnberg/Heilsbronn/Neuendettelsau. Die Sparvorschläge der landessynodalen »Lenkungsgruppe« stellen für eine Reihe kirchlicher Einrichtungen und Verbände die Existenzfrage - wenigstens in deren bisheriger Form (dasSonntagsblatt berichtete). Hinter den Kulissen ist der Kampf um den Fortbestand der bisherigen Arbeit in vielen Bereichen entbrannt.

 |  | Rückzug vom Campus? Die evangelischen Studentenpfarrer trafen sich in Nürnberg zu einer Krisenkonferenz. Sie sehen durch die Sparpläne der Synode die Zukunft ihrer Arbeit gefährdet. Foto: Fechter

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Das Religionspädagogische Zentrum (RPZ) in Heilsbronn soll künftig ein Drittel weniger der bisher 2,6 Millionen Euro an Kirchenzuschuss bekommen. Horst Joachim Schäfer, stellvertretender Direktor des RPZ, nennt diese Kürzung »unakzeptabel«: »900.000 Euro weniger Zuschuss würden unser Institut lahm legen.« Allerdings habe man gleich nach Bekanntwerden der Streichvorschläge bei einer Krisensitzung »erste Überlegungen angestellt, wie wir den Kürzungsauftrag erfüllen können«. Dieser Auftrag komme von Helmut Hofmann, Leiter der Abteilung D («Gesellschaftliche Dienste«) im Münchner Landeskirchenamt.
Mit schnellen »ersten Vorschlägen« für eine begrenzte Kürzung wollen die Verantwortlichen im RPZ offenbar »ein Angebot machen, das in München akzeptiert werden kann.« Wie hoch sich das Heilsbronner Entgegenkommen summiert, sagt Schäfer nicht -nur so viel: Die »Stellen im Referenten-Bereich« wolle man künftig dadurch »refinanzieren«, dass Referenten auch »in die Schule gehen« und »höhere Vergütungen vom Staat bekommen«. Eine Zuschusskürzung um ein Drittel würde allerdings »den Vertrag zwischen Staat und Kirche bei der Lehrerfortbildung in Frage stellen«, so Schäfer, und damit eine Kernaufgabe treffen.
Denn das einzige Institut der bayerischen Landeskirche, das Pädagogik in Schule und Gemeinde fördert, kooperiert mit dem Kultusministerium bei der Aus- und Weiterbildung staatlicher Lehrer. Insgesamt besuchen jedes Jahr knapp 20.000 Gäste das RPZ in Heilsbronn, das rund 80 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen beschäftigt. Spannung verspricht die Mitgliederversammlung des RPZ am 16./17. Mai: Das Hauptreferat hält Landesbischof Johannes Friedrich.
Höchste Alarmstimmung herrscht bei Volker Schmeling, dem landeskirchlichen Beauftragten für die Schwerhörigenseelsorge : Sein Arbeitsbereich soll nach den vorliegenden Sparvorschlägen dem Gehörlosenpfarrer zugeschlagen werden. »Fachlich völlig blödsinnig« findet das Schmeling - schließlich lebten Schwerhörige und Ertaubte in einer ganz anderen Welt als Gehörlose.
Mit wissenschaftlichen Gutachten will Schmeling der Streichung seines Arbeitsbereiches entgegentreten. Schwerhörige machten ein Drittel der Bevölkerung aus, mit steigender Tendenz: Es sei unverständlich, dass die Kirche ihre Kontaktstelle zu diesem Teil der Gesellschaft aufgeben wolle. Rückendeckung bekommt er vom Verein zur Förderung der Schwerhörigenseelsorge der evangelischen Kirche in Bayern. Dessen Vorsitzender Roland Dürschner hat sich in einem Rundschreiben an »alle, die mit der Schwerhörigenseelsorge verbunden sind«, gewandt und Protestbriefe an das Landeskirchenamt empfohlen. »Sowohl die Betroffenen als auch die für sie Verantwortung tragenden Mitarbeitenden in den Gemeinden werden mit ihren Problemen allein gelassen«, warnt Dürschner.
Der Verein »Begegnung von Christen und Juden« (BCJ) mit Sitz in Neuendettelsau soll Vorurteile abbauen und Begegnung fördern. Dafür wird Pfarrer Hans-Jürgen Müller, theologischer Referent des BCJ, von der Landeskirche bezahlt. Vielleicht nicht mehr lange - so zumindest schlägt es die synodale Lenkungsgruppe vor. Sie vermerkte in ihrem Papier unter den rund 86.000 Euro, die der Verein jährlich bekommt: »Eig. Verein, streichen«.
Was Müller verwunderlich findet - denn immer wieder hätten Kirchenleute in den letzten Jahren betont, wie wichtig der Verein sei, unterstreicht er. So sei der BCJ offizieller Ansprechpartner der Kirche für Fragen des christlich-jüdischen Gesprächs. Der BCJ arbeitet mit Rabbinern und Vertretern jüdischer Gemeinden in Deutschland zusammen und pflegt Kontakte nach Israel. Jüdische Referenten werden zu Vorträgen und Seminaren eingeladen. Regelmäßig findet die Bibelwoche in Bendorf statt, während der Juden und Christen gemeinsam biblische Texte studieren. Außerdem gibt der Verein Predigthilfen, Anregungen für den Religionsunterricht und Arbeitshilfen heraus. Erst vor einiger Zeit wurde eine Wanderausstellung mit dem Titel »BlickWechsel« entwickelt. »Zwei Menschen haben ein Jahr an diesem Projekt gearbeitet. Wir wirtschaften sehr sparsam«, sagt Müller, der einzige hauptamtliche Mitarbeiter. Büro- oder Archivräume gibt es nicht, ein Großteil der Arbeit wird von Ehrenamtlichen getragen.
»Abbild der entkirchlichten Gesellschaft von morgen«
Protest kommt auch von den evangelischen Hochschulpfarrern: Sie wehren sich gegen den drohenden Rückzug der Kirche aus der Studentenarbeit. Die »Giftliste« sieht vor, den knapp 800.000 Euro umfassenden Zuschuss für die Arbeit der Studierendengemeinden auf die Hälfte zusammenzustreichen. Dies würde für einige Hochschulgemeinden das sofortige Aus und für die anderen starke Einschränkungen bedeuten, kritisierte die Nürnberger Studentenpfarrerin Verena Grüter bei einem Krisentreffen der bayerischen Studentenpfarrer in Nürnberg.
Bereits heute seien die Hochschulen ein Abbild der entkirchlichten Gesellschaft von morgen, erklärte sie. Gerade deswegen dürfe die Kirche dieses schwierige Arbeitsfeld nicht aufgeben. »Was wird aus der Kirche, wenn sie nicht mehr an Menschen herantritt, die ihr fern stehen?« Am Beispiel der Nürnberger Hochschulgemeinde machte Grüter die konkreten Folgen einer halbierten Bedarfszuwendung deutlich: »Dann kann ich die Verwaltungskraft und den Zivi nicht mehr beschäftigen.« Für sie selbst bleibe dann keine Zeit mehr, um auf Menschen zuzugehen.
Vorschläge aus der Kirchenleitung, das Finanzloch mit verstärkter Werbung um Drittmittel aufzufüllen, wies der Münchner Studentenpfarrer Peter Marinkovic als illusorisch zurück. Bereits jetzt werde die kirchliche Studentenarbeit in starkem Maß durch die Hochschulen unterstützt. Noch mehr sei nicht drin.
Thomas Greif, Florian Höhne, Peter Reindl, Frank Wairer
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