Ausgabe - vom (Datum): 17-27.04.2003
Sagen Sie mal, Thomas,...
...ein hartes Los, als »Ungläubiger« in die Geschichte einzugehen, oder?
Thomas: In der Tat. Schlagwörter sind mir sowieso zuwider. Dass ausgerechnet ich jetzt darunter leiden muss, finde ich tragisch.
Ein anderes Schlagwort belegt Sie mit dem Wort »Zweifler«.
Thomas: Damit kann ich sehr gut leben. Zweifeln kann ich nur jedem empfehlen. Wer alles sofort glaubt, ohne Beweise und eigene Erfahrungen schluckt, ist mir seit jeher suspekt. Ich sehe übrigens gar keinen Widerspruch zwischen Glaube und Zweifel.
Ach?!?
Thomas: Ich meine: Jesus hat uns immer Zeichen und Wunder gezeigt, damit wir glauben: Heilungen, Naturwunder, Verwandlungen, sogar eine Totenauferweckung. Wieso um Gottes willen wird es mir als Schande angerechnet, nach seiner Auferstehung seine Wunden sehen und berühren zu wollen? Der Mann, der da vor mir stand, hätte ja auch ein Scharlatan sein können. Der einzige Weg für mich, das herauszubekommen, war, seine Wunden zu berühren. Es fühlte sich übrigens ziemlich eklig an, blutig, warm... Haben Sie schon mal direkt in eine Wunde gelangt und offenes Fleisch ertastet?
Ehrlich gesagt: Nein.
Thomas: Sie glauben also ohne Beweise, dass Jesus auferstanden sei?
Naja. Immerhin gibt es genügend glaubwürdige Zeugen dafür. Seine Jünger. Die Frauen aus seiner Anhängerschaft. Und nicht zuletzt Sie.
Thomas: Ach, dann werde ich für meine Zweifel gar nicht nur kritisiert?
Nein. Sie gelten sogar als einer der interessantesten Jünger. Papst Gregor, einer der angesehensten Nachfolger Ihres Jüngerkollegen Petrus, hat sogar gesagt: »Thomas' mangelnder Glaube hat für unseren Glauben mehr getan als der Glaube der Jünger, die glaubten.«
Thomas: Oha.
Und in der Kunst wird oft eine innige seelische Verbindung zwischen Ihnen und Jesus sichtbar.
Thomas: Interessant. Das tröstet mich. Dauernd musste ich mich danach nämlich rechtfertigen, weshalb ich so penetrant gefordert habe, Jesu Wunden zu berühren. Aber noch mal zu Ihnen: Wieso glauben Sie an die Auferstehung? Sie haben gar keine Gelegenheit mehr, die Wunden zu berühren. Wie konnte überhaupt eine »Christenheit« entstehen, die nur aufs Hörensagen vertraut?
Ganz so ist es ja nicht. Wir haben viele Erlebnisberichte gehört, von Anbeginn der Kirche an bis heute. Der Apostel Paulus zum Beispiel. Auch ihm ist der Auferstandene begegnet. Von Augustin bis Franz von Assisi, von Martin Luther bis Mutter Teresa gibt es immer wieder Menschen, die mit Jesus Erfahrungen gemacht haben. Wäre er nicht wirklich auferstanden, wäre das wohl kaum möglich gewesen.
Thomas: Ich kann diese Gutchristen-Liste bald nicht mehr hören. Der heilige Benedikt gehört dazu, Blaise Pascal, Gilbert Chesterton, Albert Schweitzer, Dag Hammerskjöld - alles ehrenwerte Gläubige, zugegeben. Das einzig Wichtige ist aber doch: Haben Sie ihn erfahren? Sie persönlich?
Also... ähm... irgendwie schon.
Thomas: Wie denn?
Also um das mal klarzustellen: Wir führen ein Interview mit Ihnen, nicht umgekehrt. Unsere nächste Frage: Stimmt es, dass Sie nach Indien gingen, um dort zu missionieren?
Thomas: Lenken Sie nicht ab. Sehen Sie, wie Ihnen geht es den meisten Christen Ihrer Zeit. Sie glauben nicht richtig und sie zweifeln noch nicht einmal richtig. Sie sind gar nicht mehr neugierig auf Beweise (schüttelt verständnislos den Kopf).
Also ehrlich gesagt: Zweifeln tun wir schon manchmal.
Thomas: Gut so. Dann machen Sie sich auf und suchen nach Beweisen. Fordern Sie vermeintlich Unerhörtes. Lassen Sie nicht locker auf der Suche nach der Wahrheit. Und: Lassen Sie sich bloß von niemandem einreden, Sie dürften nicht zweifeln. Nehmen Sie sich in Acht vor Einfachheits-Predigern. Die haben nichts vom Glauben verstanden. Denn nur wer zweifelt, glaubt wirklich.
Das werden wir tun. Vielen Dank für das Gespräch.
Interview: Juliane Werding & Uwe Birnstein
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