Ausgabe - vom (Datum): 16-20.04.2003
Sagen Sie mal, Barabbas,...
... ganz schön Glück gehabt, oder?
Barabbas: Absolut. Dem Tod von der Schippe gesprungen, sozusagen.
Haben Sie eine Ahnung, weshalb das Volk Sie und nicht Jesus freilassen wollte?
Barabbas: Nein. Ich hatte ja tatsächlich einen Menschen umgebracht. Dass mich die Todesstrafe am Kreuz erwartete, fand ich zugegebenermaßen nicht besonders reizvoll. Aber sie war die Konsequenz meines Handelns. Ich habe es mit einkalkuliert, als ich einige meiner Freunde zum Aufstand gegen die Römer anstachelte. Dieser Jesus von Nazareth hingegen hatte nichts auf dem Kerbholz. Für nichts sollte er sterben.
Sie hätten sich auch weigern können, hätten dem Volk eine flammende Rede halten können, dass Sie der eigentliche Bösewicht sind und sie Jesus freilassen sollen.
Barabbas: Ich bitte Sie. Natürlich hing ich an meinem Leben und an meiner Freiheit. Sie fordern Übernatürliches von mir. Wieso hätte ich mich opfern sollen? Noch dazu für einen abgedrehten Wanderprediger aus der Provinz, den ich nur vom Hörensagen kannte? Außerdem: Sie leben doch in einer Demokratie. Des Volkes Wille sollte man respektieren. Die Leute werden schon ihre Gründe gehabt haben, Jesus zu kreuzigen.
Das müssen nicht unbedingt gute Gründe gewesen sein.
Barabbas: Wie gesagt: Verstanden habe ich es auch nicht. Die Leute wirkten richtig fanatisch. Pontius Pilatus war das auch nicht geheuer. Als er fragte: »Wen von den beiden soll ich euch freigeben?«, entdeckte ich große Angst auf seinem Gesicht.
Sie meinen, er hätte Sie lieber ans Kreuz geschickt?
Barabbas: Auf jeden Fall. Deswegen fragte er noch einmal nach: »Was soll ich machen mit Jesus, von dem gesagt wird, er sei Christus? Wie aus einer Kehle riefen die Leute: »Lass ihn kreuzigen!« Seltsame Welt, sage ich Ihnen. Dann wusch er sich die Hände, so dass es alle sehen konnten.
Die Soldaten banden Sie los. Was taten Sie?
Barabbas: Die Handgelenke schmerzten. Ich stieg herab von dem Podest und mischte mich unters Volk. Und beobachtete, wie Jesus von Nazareth abgeführt wurde. Gewundert hat mich Jesu unheimliche Geduld. Selbst als das Volk ihn sterben sehen wollte, verzog er keine Miene. Im Gegenteil. Ein seliges Lächeln umspielte seine Lippen. Als ob er gar nicht richtig am Geschehen teilnahm. Oder gar nicht begriff, was ihm bevorstand. Er ergab sich in sein Schicksal. Es traf mich wie ein Schlag, als er mich ansah.
Er hat Sie in der Menge entdeckt?
Barabbas: Ja. Die ganze Zeit blickte er in die Ferne. Plötzlich lenkte er seine Augen in meine Richtung. Er musste gar nicht suchen, traf mich sofort.
Und da meldete sich Ihr schlechtes Gewissen...
Barabbas: Nein. Sein Blick beruhigte mich unendlich. Wortlos sagte er mir: 'Alles ist gut, wie es ist.' Er schickte mir Liebe. Und Absolution. Kein Vorwurf, keine Anklage, nichts. Nur Liebe. Dieser Blick hat mich durchs Leben getragen. Bis heute. Und er hat mein Leben geändert.
Wie?
Barabbas: Ich zog mich zurück in die Einsamkeit. Dachte über mein Leben nach. Versuchte, diesem Jesus auf die Spur zu kommen. Sehr gut konnte ich verstehen, dass die Christen davon sprachen, er habe sich geopfert. Ich habe es schließlich am eigenen Leibe erlebt.
Sie sind nicht wieder in den Widerstand gegangen?
Barabbas: Nein, meine Ziele haben sich geändert. Ich hatte Liebe empfangen und wollte sie weitergeben. Das habe ich getan. In meinem Dorf, in meiner Familie, in meiner Synagoge.
Ein Mörder wird zum frommen Mann?
Barabbas: Wenn Sie so wollen: ja. Ich forschte nach, was Jesus gesagt hatte: Wie er unsere alten heiligen Schriften ausgelegt hatte. Wie er von der Feindesliebe gesprochen hatte und von der Friedfertigkeit.
Also sind Sie Christ geworden?
Barabbas: Nein. Ich war, bin und bleibe Jude. Wissen Sie, solche Etiketten sind mir inzwischen ziemlich zuwider. Die ganze Lehre Jesu steht auch in unserer Bibel, dem »Alten« Testament, wie Sie Christen es abfällig nennen. Fromm sein und gottgefällig leben hängt nicht von der Religionszugehörigkeit ab.
Die Auferstehung hat Sie nicht überzeugt?
Barabbas: Wovon? Dass Jesus wirklich der Messias war, der Christus? Nein. Er hat ja auch nie verlangt, dass wir Juden jetzt was ganz anderes glauben sollen. Er wollte unseren, den jüdischen Glauben vertiefen. Das hat er geschafft. Bei mir jedenfalls. Wie es bei Ihnen ist, weiß ich nicht.
Vielen Dank für das Gespräch.
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