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Ausgabe - vom (Datum): 12-23.03.2003
Sonntagsblatt-Serie: Interviews mit Personen der Bibel
Sagen Sie mal, Herr Onan,...
  Missverständnis um eine biblische Figur: »Er ließ es auf die Erde fallen und verderben«. (Ferdinand Hodler: Die Nacht, 1890, Bern, Kunstmuseum)
...wissen Sie eigentlich, dass Ihr Name hierzulande selbst Nichtgläubigen bekannt ist?
Onan: Interessant. Obwohl ich sozusagen nur eine Nebenrolle in der Bibel spiele?
Ja, wirklich verwunderlich. Allerdings muss ich eine Einschränkung machen: Ihr Name, nicht Ihre Geschichte ist bekannt.
Onan: Klären Sie mich auf!
Sie sind gewissermaßen Wortschöpfer. Bei uns gibt es ein Fremdwort aus dem sexualwissenschaftlichen Bereich, das trägt Ihren Namen.
Onan: (wird rot)
Es heißt »Onanie«. Und es bezeichnet, nun ja, wie soll ich sagen: Es bezeichnet die sexuelle Selbstbefriedigung eines Mannes.
Onan: Damit hab ich doch nichts zu tun! Sie haben die Bibel ja völlig missverstanden!
Wirklich? Erzählen Sie uns Ihre Geschichte!
Onan: Alles begann damit, dass mein Bruder Er starb.
»Er«?
Onan: Ja, so war sein Name. Kurz nach seinem Tod kam mein Vater zu mir mit einer Bitte. Ich fiel aus allen Wolken: Er wollte doch tatsächlich, dass ich der Witwe Tamar, also meiner Schwägerin, ein Kind zeuge. Das sollte geheim bleiben und später so aussehen, als sei mein Bruder der Vater. Verstehen Sie? Als habe er kurz vor seinem Tod seiner Frau ein Kind gezeugt.
Unglaublich. Wie haben Sie reagiert?
Onan: Ich steckte in einem Dilemma: Einerseits wollte ich meinem Vater, den ich sehr liebte, diese Bitte nicht ausschlagen. Ihm war so wichtig, dass sein Erstgeborener wenigstens pro forma einen Sohn bekam. Andererseits wollte ich nicht meine Vaterschaft verleugnen, wenn das Kind dann auf der Welt wäre.
Verständlich. Eine Frage noch: Diese Tamar - die hätte mitgemacht? Ich meine, um ein Kind zu zeugen, bedarf es doch zumindest einer gewissen körperlichen Sympathie.
Onan: Die war da. Sonst hätte es natürlich gar nicht funktioniert (schmunzelt). Also wir haben uns getroffen, fanden uns auch sehr anziehend. Wir haben Kerzen entzündet und uns geherzt. Es prickelte ziemlich. Und ich fand Tamar sehr hübsch und erotisch. Als wir zusammen schliefen, dachte ich immer nur: »Was machst du hier eigentlich, Onan?«
Solche Gedanken können jede Leidenschaft ersticken!
Onan: In der Tat. Zwar war ich ziemlich bei der Sache, wenn Sie verstehen, was ich meine. Dennoch hatte ich mich noch voll im Griff. Kurz bevor ich, ähm, bevor ich... Also wir sind ja erwachsene Leute, da kann ich's ruhig sagen: Kurz bevor ich zum Höhepunkt kam...
... »ließ er's auf die Erde fallen und verderben« steht in der Bibel. Wir nennen das heute »Koitus interruptus«.
Onan: Danke, ja. Genau. Denn ich wollte kein Kind zeugen, dessen offizieller Vater ich nicht sein dürfte.
Sie haben Recht: Dann trägt das Wort 'Onanie' zu Unrecht Ihren Namen.
Onan: Sag ich ja. Können Sie das nicht irgendwie mal richtig stellen in Ihrer Zeitung?
Unser Gespräch reicht dazu, denken wir. Vielen Dank!
Interview: Juliane Werding & Uwe Birnstein
BUCHTIPP: Weitere Interviews finden Sie in dem Buch »Sagen Sie mal, Herr Jesus...« und andere Interviews mit Menschen der Bibel (Gütersloher Verlagshaus), das in der Claudius Buchhandlung im Forum, Herzog-Wilhelm-Straße 24, 80331 München, erhältlich ist. E-Mail: buchhandlung@claudius.de, Tel. (089) 5486299-0
Übersicht | Druckversion | Textdatei
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| ZUR PERSON |
ONAN war der Enkel des biblischen Stammvaters Jakob. Sein Vater Juda war verheiratet mit der Kanaaniterin Schua, die ihm drei Söhne gebar: Er, Onan und Schela. Als Er starb, forderte sein Vater ihn auf, der Frau seines verstorbenen Bruders ein Kind zu zeugen. Im letzten Moment verweigerte Onan sich durch einen Koitus interruptus.
Quelle: 1. Buch Mose 38, 1-11
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| Die Sängerin Juliane Werding und der Theologe Uwe Birnstein interviewen zum ökumenischen Jahr der Bibel 2003 Jesus, Maria und andere prominente Männer und Frauen der Heiligen Schrift. |
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