Ausgabe - vom (Datum): 08-23.02.2003
Serie: Interviews mit Personen der Bibel
Sagen Sie mal, Herr Jakob ...
  Der blinde Isaak segnet Jakob; José de Ribera, 1637, Madrid. Repro: sob
...feiern Sie Fasching?
Jakob: Wie kommen Sie denn darauf?
Sie haben die Kunst der Verkleidung doch genial angewandt...
Jakob: Ach, Sie meinen die Sache damals am Sterbebett meines Vaters? Erinnern Sie mich bloß nicht daran. Das ist wahrlich kein Ruhmeskapitel meiner Geschichte.
Wir finden's ziemlich genial. Einfach Ziegenfelle überstreifen und damit den behaarten Bruder nachahmen.
Jakob: Im Nachhinein schäme ich mich dafür. Einen sterbenden Mann belügt man nicht. Erst recht nicht den eigenen Vater. Obwohl: Eigentlich war es ja meine Mutter Rebecca. Die hat mir die Felle um den Arm gewickelt.
Immerhin haben Sie Ihr Ziel erreicht: Ihrem Bruder Esau das Erstgeburtsrecht zu stehlen.
Jakob: Ein zweifelhafter Erfolg. Gestohlenem Segen haftet immer ein Makel an. Außerdem musste ich danach vor Esau fliehen, weil der einen ziemlich Hass auf mich hatte.
Verständlich. Fast wäre es dann zum Showdown gekommen. Doch kurz vorher spielte wieder Verkleidung eine Rolle in Ihrem Leben.
Jakob (schmunzelt): Wenn Sie so wollen: ja. Sie meinen den Mann, mit dem ich am Fluss Jabbok kämpfte.
Bibelausleger behaupten, das sei Gott gewesen, verkleidet als Mensch.
Jakob: Wer es war, weiß ich bis heute nicht. Ein Engel? Ein Gesandter? Gott? Fest steht nur, dass er sehr stark war. Als er mir auf die Hüfte schlug, hörte ich die Engel singen. Bis heute trage ich diese Wunde von ihm und hinke durch die Welt.
Aber auch ihm haben Sie den Segen abgerungen.
Jakob: Wenn ich mir etwas vornehme, bekomme ich's auch. 'Ich lasse dich nicht gehen, bevor du mich segnest', hab ich ihm entgegengerufen. Das hat gewirkt. Als er mir dann noch den neuen Namen 'Israel' gab, ahnte ich, dass dieser Kämpfer irgendetwas mit Gott zu tun haben muss.
Hängt es Ihrer Meinung nach damit zusammen, dass Ihr Bruder Esau sich unerwarteter Weise mit Ihnen versöhnte?
Jakob: Mag sein.
Ihre Strafe fürs Verkleiden haben Sie dann hinterher in anderer Form bekommen.
Jakob: Wenn Sie Hungersnot als Strafe betrachten, stimmt's. Meine Familie und ich haben echt gelitten. Wie Sie wissen, starb mein Sohn, und wir mussten allesamt nach Ägypten fliehen.
Und die Moral von der Geschicht'?
Jakob: 'Verkleid dich vor dem Vater nicht', wenn Sie's unbedingt in Reimform haben wollen. Trotzdem möchte ich Ihnen die Faschingsfreuden nicht madig machen. Solange es ein spielerisches Hinter's-Licht-Führen ist, wird es sicherlich keine schlimmen Folgen haben.
Interview: Juliane Werding & Uwe Birnstein
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