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Ausgabe - vom (Datum): 08-23.02.2003




Weiße-Rose-Mitglied Jürgen Wittenstein über die Motive des Widerstands

»Irgendjemand musste es ja tun«

Zeit kann nicht alle Wunden heilen. »Der Erinnerung kann ich mich nicht entziehen. Sie ist heute noch sehr schmerzhaft, und es ist schwer, innere Distanz zu gewinnen«, bekennt Professor Jürgen Wittenstein. Fast 40 Jahre lang hat er nicht über die Weiße Rose gesprochen. Seine vier Kinder und neun Enkel wissen kaum etwas über sein Engagement für den Widerstand im »Dritten Reich«.

Erst seit es in den 80er-Jahren »überraschendes Interesse« von Historikern außerhalb Deutschlands gab, hat er die schmerzenden Gedanken wieder stärker zugelassen. »Denn die Zeitzeugen sterben aus. Dabei gibt es noch so viel zu dokumentieren, zu erforschen und richtig zu stellen.«

Nie von Historikern befragt

Während in Deutschland am 22. Februar des 60. Jahrestages der Hinrichtungen von Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst offiziell mit der Enthüllung einer Büste und Gedenktafel in der Regensburger Ruhmeshalle Walhalla gedacht wird, begeht Wittenstein den Tag in stiller Erinnerung. Räumlich weit entfernt im kalifornischen Santa Barbara, wo er seit über 40 Jahren lebt. Der 84-Jährige ist inzwischen US-amerikanischer Staatsbürger und hat eine erfolgreiche Karriere als Herzchirurg hinter sich. Die Bundesrepublik ehrte ihn wegen seiner Rolle im Widerstand und seiner beruflichen Leistungen mit dem Großen Bundesverdienstkreuz. Beruflich war er häufig in Deutschland. »Aber es ist mir jedes Mal schwer gefallen«, erzählt er. Eine innere Nähe zu seinem Herkommen ist dennoch geblieben: Wittenstein spricht nach wie vor perfekt Deutsch, ist mit einer ebenfalls aus Deutschland stammenden Ärztin verheiratet und hat über die Jahre brieflichen und persönlichen Kontakt zu den Hinterbliebenen der Ermordeten gehalten.

»Ich verstehe einfach nicht, warum so viele Mitwisser und Vertraute aus unserer Gruppe nie von deutschen Wissenschaftlern befragt worden sind«, sagt er mit leiser Stimme. Zum Beispiel der Buchhändler Josef Söhngen, die Witwe Professor Hubers, Klara Huber, Mitstudent Hubert Furtwängler und der 2001 gestorbene Verlobte von Sophie Scholl, Fritz Hartnagel, hätten viel zur Geschichtsaufarbeitung beitragen können.

Die Weiße Rose sei keine Organisation gewesen, der man offiziell habe beitreten können. »Sie war ein Kreis von Freunden, die Einstellung und Interessen teilten.« Jeder wusste immer nur über einen Teil der Aktionen Bescheid, um bei einer Verhaftung nicht gezwungen werden zu können, die Freunde zu belasten. Aus allen »Teilwahrheiten« hätte man nach Ansicht Wittensteins versuchen sollen, ein rundes Bild der Weißen Rose zusammenzusetzen.

Wittenstein war Medizinstudent an der Münchner Universität. Er machte Hans Scholl mit seinem Zimmergenossen und Freund Alexander Schmorell bekannt. Er redigierte die Flugblätter Nummer drei und vier der Weißen Rose, er brachte drei Mal unter großen Gefahren im Zug Flugblätter nach Berlin. Wittenstein war es auch, der im Februar 1943 nachts die Waschräume der Universität mit Freiheitsparolen bepinselte, während Hans Scholl sowie die später hingerichteten Alexander Schmorell und Willi Graf Hauswände in der Münchner Innenstadt mit »Nieder mit Hitler« bemalten.

Woher nahm er den Mut, die Eltern Scholl von der nicht öffentlich bekannt gegebenen Volksgerichtshof-Verhandlung ihrer beiden Kinder zu unterrichten und persönlich zum Justizpalast zu bringen, eine Woche nach den Hinrichtungen einen Kranz am wahrscheinlich beobachteten Grab niederzulegen sowie zu versuchen, Alexander Schmorell zur Flucht zu verhelfen? »Irgendjemand musste es ja tun«, lautet die schlichte Antwort.

Gezögert habe er nie, sagt Wittenstein vollkommen ohne Pathos. Er formuliert langsam und mit Bedacht, aber kraftvoll. Von seiner Mutter - der Vater starb in den letzten Wochen des Ersten Weltkriegs noch vor seiner Geburt - sei er zu einem europäischen Bürger erzogen worden. »Ich wusste damals, wie es außerhalb Deutschlands aussieht.« Der Besuch einer Salem-Schule, jüdische Freunde und auch der Einfluss regimekritischer Mentoren und Vaterfiguren hätten in ihm die Überzeugung reifen lassen, dass »das, was Hitler plante, letztendlich die Vernichtung des deutschen Volkes bedeutete«.

Die Zeit nach den Hinrichtungen war besonders schwierig, da es für ihn - im Gegensatz zu den Angehörigen der Ermordeten - lebensgefährlich war, Trauer zu zeigen. Sein eigenes Überleben führt Wittenstein unter anderem auf die schützende Hand seines militärischen Vorgesetzten sowie letztlich auf sein freiwilliges Versetzungsgesuch an die Front zurück. Denn dort hatte die Gestapo keinen offiziellen Zugriff mehr.

Weh tut es ihm, wenn der Widerstand der Weißen Rose manchmal als jugendlicher Übermut und Idealismus interpretiert wird. »Natürlich riskiert man vielleicht leichter etwas, wenn man jung ist, aber uns war die Gefahr ständig und in allen Konsequenzen bewusst.«

Silke Tittel


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Jürgen Wittgenstein als Student
Jürgen Wittgenstein 1942 während seiner Zeit als Medizinstudent in München

Jürgen Wittgenstein heute
Jürgen Wittgenstein heute. Fotos: epd-Bild
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