Ausgabe - vom (Datum): 07-16.02.2003
Märchenhafter Fund in Rosenheim
Bibel aus Dornröschen-Schlaf erweckt
Genau 480 Jahre nach der Erstausgabe von Luthers
»Altem Testament Deutsch« und pünktlich zum
»Jahr der Bibel« ist im Rosenheimer Stadtmuseum
eine vierbändige, originale Lutherbibel aufgetaucht. Eine Spurensuche.
Von Susanne Petersen

 |  | Der Leiter des Rosenheimer Stadtmuseums, Walter Leicht, zeigt seinen kostbaren Fund: eine vierbändige Lutherbibel aus den Jahren 1523 bis 1525, die Teile des Alten Testaments und das Neue Testament enthält und in Basel und Straßburg gedruckt wurde. Fotos: Petersen

| | In einer kleinen Stube des Rosenheimer Stadtmuseums, auf den blauen Samt einer Glasvitrine gebettet und mit einem goldenen Täfelchen versehen, ruhen sie: vier Bücher, jedes ein halbes Jahrtausend alt, bedruckt mit altdeutschen Lettern, die so scharf gestochen sind, als hätte der Setzer erst gestern seine Arbeit beendet. Es handelt sich um eine seltene Lutherbibel, die dem Museumsleiter Walter Leicht erst vor kurzem beim Stöbern im Museumsdepot quasi in den Schoß gefallen ist. Eine kleine Sensation ist das schon: Ausgerechnet in der oberbayerischen Diaspora taucht, noch dazu pünktlich zum »Jahr der Bibel«, ein Zeitzeugnis und wahrer Schatz des Protestantismus auf.
Das vierbändige Werk, das zwischen 1523 und 1525 in Basel und Straßburg gedruckt wurde, enthält Martin Luthers deutsche Übersetzung des Neuen und des Alten Testaments, mit Ausnahme der Prophetenbücher. Es ist damit einer der ersten Nachdrucke von Luthers Bibelübersetzungen, die außerhalb seiner Heimatstadt Wittenberg produziert wurden. Nur wenige Exemplare sind von diesen frühen Ausgaben heute noch erhalten. Die Rosenheimer Lutherbibel ist Teil einer Ausstellung im Stadtmuseum über die 400 Jahre alte katholische St. Nikolaus-Kirche, die ihr Jubiläum mit reger Beteiligung des evangelischen Dekanats Rosenheim feierte.
Bei den letzten Recherchen für die Sonderausstellung war Walter Leicht im Januar in der Kartei unter dem Stichwort »Religiöse Exponate - Bibel« auf diese Lutherbibel gestoßen, die dem Museum laut Inventarliste um 1900 von einem Rosenheimer Arzt verkauft oder geschenkt wurde. »Sie schlummerte in einer Pappschachtel mit ähnlicher Literatur im Depot, wo insgesamt 10000 Ausstellungsgegenstände lagern«, berichtet der Museumsleiter. Erstaunt war er über den guten Zustand der fast 500 Jahre alten Folio-Ausgabe: Bis auf kleinere Stockflecken sind die Seiten kaum verfärbt oder eingerissen. »Damals wurde aus Lumpen und Leim gekochtes Hadernpapier verwendet, das auf Grund seiner textilartigen Beschaffenheit wesentlich alterungsbeständiger ist als holzhaltiges Papier«, lautet Leichts Erklärung. Mehr Licht ins Dunkel brachte Professor Reinhard Schwarz, der bis 1996 den Lehrstuhl für evangelische Kirchengeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München innehatte. Anhand von Fotos erstellte er für das Sonntagsblatt eine erste Expertise zur Rosenheimer Lutherbibel. Mit Hilfe der Weimarer Ausgabe von Martin Luthers Schriften, einem anerkannten Nachschlagewerk, identifizierte Schwarz die Rosenheimer Funde eindeutig als frühe Nachdrucke der Übersetzungen, die Luther in den Jahren 1523 bis 1525 vom Alten Testament angefertigt hatte. Während seines zehnmonatigen Exils auf der Wartburg, mit dem sich der aufmüpfige Augustiner-Mönch nach dem Wormser Edikt dem langen Arm des Gesetzes entzog, hatte Luther bereits das Neue Testament in der Rekordzeit von elf Wochen übersetzt. Gleich im Anschluss nahm er die Arbeiten am Alten Testament auf, die sich allerdings bis 1534 hinzogen. Immerhin hatte Luther den Löwenanteil 1525 fertig: In Einzelheften erschienen die fünf Bücher Mose sowie die historischen und poetischen Bücher des Alten Testaments. Sobald die Erstausgaben veröffentlicht waren, wurden sie im ganzen Land nachgedruckt.
Einer dieser Drucker war Adam Petri aus Basel. Er reicherte die Fassung, die jetzt in der Rosenheimer Vitrine liegt, mit Schmuckbildern und kleinen Ergänzungen an. »Schon auf dem Titelblatt des ersten Bands von 1523 hat Petri etwas Eigenes eingefügt«, erläutert Professor Schwarz. Im Gegensatz zum wenige Monate zuvor erschienenen Wittenberger Erstdruck mit dem Titel »Das Alte Testament Deutsch« prangt auf dem Basler Exemplar in kunstvollen Buchstaben der Zusatz: »Der ursprünglichen hebreischen warheit nach/ auffs trewlichst verdeütscht. Und yerzmals in disem truck/ durch den tolmetschen erleüchtet mit vil hübschen der besunder schweren ortten außlegungen und erklerung/ die keyn ander drück haben. M. Luther. Zu Basel bey Adam Petri.« Von diesem ersten Band mit den fünf Büchern Moses existieren - außer jetzt in Rosenheim - nur noch vier Exemplare in Dresden, München, Stuttgart und Wolfenbüttel.
Über den Rosenheimer Fund staunten auch die Experten bei der Bayerischen Staatsbibliothek in München nicht schlecht. »Das ist schon ein besonderes Werk«, sagt Thomas Jahn, Referatsleiter für seltene und kostbare Drucke. Die Staatsbibliothek selbst besitzt keins der Petri-Exemplare mehr - sie wurden, wie die meisten Stücke der ehemals 480 Lutherbibeln umfassenden Sammlung, bei den Luftangriffen während des Zweiten Weltkriegs zerstört. Dafür verfügt die Münchner Universitätsbibliothek über die ersten beiden Bände des Alten Testaments von Petri. Begehrlichkeiten entstehen bei Jahn aber nicht: »Wir haben zwar in München den Auftrag, fehlende Werke des 15. und 16. Jahrhunderts anzukaufen, werden aber den Rosenheimern von uns aus keine Offerte machen.« Er freue sich, dass die Lutherbibel in kommunalem Besitz sei und damit der Öffentlichkeit und der Wissenschaft zur Verfügung stehe.
  Eine Doppelseite aus dem dritten Band der Rosenheimer Lutherbibel - links die Vorrede des Reformators, rechts das erste Kapitel aus dem Buch Hiob mit Initial des Basler Künstlers Hans Holbein und einem Holzschnitt.
Besonders wertvoll sind bei der Rosenheimer Lutherbibel laut Professor Reinhard Schwarz auch die zahlreichen Holzschnitte, die den Text der vier Folio-Ausgaben illustrieren. »Die Initialen kann man dem Basler Künstler Hans Holbein zuschreiben, von seinem Landsmann Urs Graf stammt die Titeleinfassung«, erklärt der Professor. Zahlreiche Bilder wie das üppige Schöpfungsgemälde, das die Erschaffung Evas zeigt, sind spätmittelalterlichen Vorlagen nachempfunden.
  Die Einbände aus marmoriertem Papier und Lederrücken wurden erst in späteren Jahrhunderten angefertigt.
Wie die vier Bücher der Rosenheimer Lutherbibel von Petris Druckerei in Basel ins Stadtmuseum der oberbayerischen Kreisstadt gelangt sind, lässt sich nur ansatzweise rekapitulieren. Einen ersten Hinweis gibt das Titelblatt des zweiten Bands: Dort hat jemand den Namen »Merita Ehingerin« vermerkt. »Der Handschrift nach ist nicht auszuschließen, dass es sich dabei um eine der ersten Besitzerinnen im 16. Jahrhundert handelt«, sagt Professor Schwarz.
Spontan fällt dem Kirchengeschichtler dazu ein Stadtschreiber Ehinger ein, der im 16. Jahrhundert in Memmingen wirkte. Die Spur erweist sich als stichhaltig: Tatsächlich verzeichnet das Stadtarchiv Memmingen nicht nur einen Hans Ehinger, der seine Heimatstadt sogar als Abgeordneter auf dem Reichstag zu Augsburg vertrat, sondern auch eine Margareta Besserer, die Hans Ehinger 1530 zur Frau nahm. »Es könnte schon sein, dass Merita als Kosename von Margareta gebraucht wurde und die wertvolle Bibel vielleicht ein Hochzeitsgeschenk war«, mutmaßt Christoph Englhard, der heutige Stadtarchivar von Memmingen. Beweisen lässt sich die These freilich nicht - dazu müsste man alle Ehingers der frühen Neuzeit auflisten.
Weit gehend sicher ist hingegen wieder, dass einer der späteren Besitzer der Rosenheimer Lutherbibel die drei Petri-Bände dann noch um das Neue Testament, gedruckt von Johan Knoblouch in Straßburg, ergänzt und alle vier Bücher neu gebunden haben muss. Denn der aktuelle Einband der Rosenheimer Lutherbibel - marmoriertes Papier und Lederrücken - war, so Fachmann Schwarz, im 16. Jahrhundert noch nicht üblich. Danach verliert sich die Spur, bis zum nächsten Besitz-Eintrag, den der Rosenheimer Arzt im Jahr 1863 vornahm.
Wertvoll und begehrt ist der Fund allemal: Das Basler Druckhaus Schwabe, das 1488 von Adam Petris Onkel Johannes gegründet wurde, hat bereits Interesse an der Rosenheimer Lutherbibel signalisiert. »Wir haben zwar einige historische Bibeln, doch diese Ausgabe fehlt in unserer Sammlung«, sagt Marlies Pichler vom Schwabe-Verlag. Doch Petris Nachfolger müssten, sofern die Rosenheimer überhaupt verkaufen wollten, wahrscheinlich tief in die Tasche greifen: Friedrich Zisska, Besitzer eines auf Drucke des 16. Jahrhunderts spezialisierten Münchner Aktionshauses, schätzt den Wert der vier Bücher auf 25000 bis 30000 Euro.
Die Sonderausstellung »400 Jahre Pfarrsitz St. Nikolaus« mit der Lutherbibel ist im Rosenheimer Stadtmuseum (am Mittertor) noch bis 4. Mai zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag, 10 bis 17 Uhr, Sonntag 13 bis 17 Uhr. Der Eintritt kostet 2 Euro.
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