Ausgabe - vom (Datum): 07-16.02.2003
Serie: Interviews mit Personen der Bibel
Sagen Sie mal, Herr Simson...
...helfen Sie uns bitte: Da lenken fanatische Moslems Flugzeuge in Hochhäuser und bringen nicht nur Hunderte anderer Menschen um, sondern auch sich selbst. In Israel sprengen sich Palästinenser in die Luft und reißen andere Menschen mit in den Tod.
Simson: Wieso sollte ausgerechnet ich Ihnen da weiterhelfen?
Immerhin sind Sie als erster Selbstmordattentäter in die Weltgeschichte eingegangen. Das steht sogar in unserer Bibel.
Simson: Meine Geschichte haben Sie in Ihre Heilige Schrift aufgenommen? Ist ja der Hammer. Ich dachte, Ihre Bibel strotzt nur so von Feindesliebe und Harmonie.
Irrtum. Unsere Bibel strotzt nur so vor Leben. Dazu gehört die Liebe genauso wie Hass. Die Friedfertigkeit genauso wie die Gewalt. Und deswegen noch mal die Frage: Wie kann ein gottesfürchtiger Mann wie Sie so viele Menschen in den Tod reißen - und sich selbst noch dazu umbringen?
Simson: Ich hatte halt einen riesigen Hass auf die Philister.
Philister?
Simson: Das war das Volk, das im Gebiet des heutigen Palästina lebte. Sie haben mein Volk, die Israeliten, gedemütigt und unterdrückt. Und sie haben mich bis aufs Blut gereizt...
Aber das kann doch kein Grund sein, sie zu töten?
Simson: Natürlich! Gefühle zu unterdrücken ist niemals gut.
Mordgelüste zu unterdrücken aber schon.
Simson: Ich meine: Im Grunde kann doch jeder ein Mörder sein, oder? Sie auch.
Vielleicht haben Sie Recht. Aber es ist ein Zeichen unserer fortgeschrittenen Kultur, dass wir diese Triebe in den Griff bekommen haben.
Simson: Sie persönlich vielleicht. Aber anscheinend nicht alle. Zum Beispiel die Kamikaze-Piloten, von denen Sie anfangs sprachen.
Genau. Die haben Gott als Auftraggeber angeführt.
Simson: Das kann ich gut nachvollziehen. Denn so ging es mir auch. Durch einen Trick hatten mir die Philister meine Kraft genommen und mich dann geblendet. Wozu noch leben? Also bat ich Gott: »Gib mir Kraft!« Wundersamer Weise erhörte er mein Gebet. Eine Tatsache, die mir noch heute zu denken gibt.
Sie sammelten Ihre letzten Reserven und rissen die gesamte Führungsschicht der Philister mit in Ihren Tod.
Simson: So war es.
Wäre der Begriff religiöser Fanatiker angemessen für Sie?
Simson: Schon. Aber solche Schlagworte fördern nicht das Verständnis. Weder für meine damalige noch für die Tat Ihrer heutigen Selbstmordattentäter.
Was dann?
Simson: Bedenken Sie immer: Eine solche schreckliche Tat ist immer Endpunkt einer langen Geschichte zwischen zwei verfeindeten Gruppen. Wenn Sie etwas lernen wollen - und ich denke, deshalb wurde meine Geschichte in Ihre Bibel aufgenommen -, dann das: Sorgen Sie dafür, dass Gerechtigkeit herrscht. Dass niemand den anderen bevormundet, demütigt oder unterdrückt.
Mehr nicht?
Simson: Wenn Sie das schaffen, wäre schon viel erreicht.
Interview: Juliane Werding & Uwe Birnstein
Lesung in München
Uwe Birnstein und Juliane Werding lesen am 19. Februar aus ihrem Buch »Sagen Sie mal, Herr Jesus...« in der Evangelischen Stadtakademie, Herzog-Wilhelm-Str. 24 in München. Beginn 20 Uhr. Informationen und Anmeldung: Evangelische Stadtakademie, Tel. (089) 549027-0.
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