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Ausgabe - vom (Datum): 05-02.02.2003




Vor 60 Jahren wurde Sophie Scholl hingerichtet

Harter Geist und weiches Herz

Wenn es einen Trost gibt über die schreckliche Brutalität des Endes, so sind es die Intensität und die musische Offenheit dieses kurzen Lebens, seine Entflammbarkeit durchs Wesentliche.

Einmal im Traum, so schreibt die sechzehnjährige Sophie Scholl, sei sie in Begleitung einer alten Frau in einem Boot auf einen nächtlichen See hinausgerudert, und »in einiger Entfernung des Mondes glühte durch die Wolken ein kleiner roter Punkt. 'Das ist die Sonne', erklärte mir die Frau, 'wir leben am einzigen Ort der Erde, wo man Sonne und Mond gleichzeitig sehen kann'«. Sophies Tagebücher und Briefe zeugen von der beinahe zauberisch anmutenden Fähigkeit, scheinbar Gegensätzliches zusammenzubinden, konkret, direkt, analytisch mit dem Leben umzugehen und dennoch hingerissen in es verliebt zu sein.

Wie ihre vier Geschwister hatte auch sie das Gruppenleben in der Hitlerjugend mitgemacht, dem Kult um Heimat, Volk und Jugend geglaubt. Die protestantisch fromme Mutter, eine ehemalige Diakonisse, und der Vater, ein Steuerberater mit liberalen und humanistischen Idealen, protestierten vergeblich. Erst nach Jahren gewannen ihr Vorbild und die Einflüsse des weltoffenen Teils der bündischen Jugendbewegung über die geistige Borniertheit der Nazis die Oberhand. Das führte 1937, Sophie war sechzehn, Hans neunzehn Jahre alt, zu ernsthaftem Ärger mit der Gestapo und zum Bruch mit dem Regime. Von nun an wurde die große Wohnung der Scholls am Ulmer Münsterplatz zum Treffpunkt aller systemkritischen jungen Leute in der Stadt - und das Christentum zur neuen, packenden Herausforderung.

Stachel gegen den Konsumismus

In den Schriften des französischen Kulturphilosophen Jacques Maritain fanden Sophie und Hans leidenschaftliche Plädoyers für soziale Gerechtigkeit und für politisches Handeln aus christlicher Verantwortung. Erste Kontakte entstanden zu den bedeutenden katholischen Denkern Carl Muth und Theodor Haecker, den späteren geistigen Mentoren der Weißen Rose. »Man muss einen harten Geist und ein weiches Herz haben« - diesen Satz von Maritain zitiert sie oft.

Für sie konnte es keinen unpolitisch verstandenen Glauben geben. Anders als Hans, der sein religiöses Erwachen in seinen Briefen euphorisch feiert, litt Sophie früh unter dem Bewusstsein möglicher Konsequenzen, unter dem Verlust ihrer kindlichen Unbefangenheit. Sie war fröhlich, tanzte und flirtete gern, schrieb, malte, musizierte, hatte eine große Begabung für Freundschaft. Immer wieder taucht der Wunsch in ihren Gebeten auf, die quälende Last der Verantwortung abschütteln zu dürfen. »Und wenn mein Herz tausendmal an den Schätzen hängt, und sei es bloß die Liebe zum süßen Leben, reiß mich los, gegen meinen Willen, denn ich bin zu schwach, es zu tun, vergälle mir alle Freuden, lass mich elend sein und Schmerzen fühlen, bevor ich meine Seligkeit verträume.« Ihr Leben, das hell und voller Hoffnung war, entwickelte unter dem Schatten eines mörderischen Systems einen Zwang zur Unbedingtheit, den sie sich nicht ausgesucht hatte.

Es war ihr Wirklichkeitssinn, der sie in die Revolte trieb. Und dieses Gespür für die Poesie des Realen, für die rechte Ordnung der Dinge macht ihre Aufzeichnungen bis heute zu einer Herausforderung, zum Stachel auch gegen den Konsumismus, die Beliebigkeit und die Entfremdungen heutiger lebensweltlicher Erfahrung.

Alles Seiende übte eine unwiderstehliche Bezauberung auf sie aus. »Da standen Baumgruppen im Licht, dass ich rückwärts gegangen bin, um sie noch länger zu sehen.« Rätselhaft, beinahe furchterregend erschien es ihr, »dass alles so schön ist«. Sie hörte den Lobgesang der unschuldigen Kreatur an ihren Schöpfer und litt darunter, dass sich der Mensch davon ausschließt. »Und jetzt könnte man oftmals meinen, er brächte es fertig, diesen Gesang zu überbrüllen mit Kanonendonner und Flüchen und Lästern. Doch dies ist mir im letzten Frühling aufgegangen, er kann es nicht, und ich will versuchen, mich auf die Seite der Sieger zu schlagen.«

Als sie, einundzwanzig Jahre alt, im Mai 1942 in München ihr Studium der Biologie und Philosophie begann, haben die jungen Männer der »Weißen Rose« wohl versucht, sie aus den Widerstandsaktivitäten herauszuhalten - vergeblich. Sophie verwaltete die Finanzen und organisierte das Papier, schaffte Rucksäcke voll mit Flugblättern in entfernte Städte, schmuggelte sie durch die Kontrollen der Gestapo.

Man hat den jungen Leuten oft weltfremden Idealismus vorgeworfen und dabei übersehen, dass der deutsche Widerstand keine klarsichtigeren Texte hervorgebracht hat als die der Weißen Rose. Sie haben das vermeintlich Machbare im Blick - den passiven Widerstand. Sie geißeln illusionslos die Anpassungsbereitschaft und das Mitläufertum der großen Masse und setzen auf die verändernde Kraft eines lebendigen Glaubens. Sie bieten Visionen für eine bessere Zukunft, Ausblicke auf eine antimilitaristische, pluralistische Gesellschaft ohne soziale Ausbeutung und Einschränkungen der Meinungs- und Glaubensfreiheit. Sie prangern den Mord an den Juden an, was im deutschen Widerstand sonst kaum jemand tat. Während des Russlandfeldzugs hatten die Studenten die Verbrechen von SS und Wehrmacht mit eigenen Augen gesehen.

Euphorie und Depression

Zu Hause saß der Vater Robert Scholl in Haft, weil er Hitler eine »Gottesgeißel« genannt hatte und denunziert worden war. Die jungen Leute der »Weißen Rose« dachten über bewaffneten Widerstand nach und begannen, Kontakte zu anderen Widerstandsgruppen aufzubauen.

Der Druck muss manchmal fast unerträglich gewesen sein. Klagen über Kopfschmerzen, Zerstreutheit, Traurigkeit durchziehen Sophies letzte Briefe. Aber als sie erfuhr, dass ihr Freund, der junge Leutnant Fritz Hartnagel die Hölle von Stalingrad überlebt hatte, sprühte sie nur so vor Zukunftshoffnung und Lebenslust. Noch am Tag vor ihrer Verhaftung schwärmt sie in einem Brief ausgelassen von Schuberts Forellenquintett: »Am liebsten möchte ich da selbst eine Forelle sein. Man kann ja nicht anders als sich freuen und lachen... O, ich freue mich wieder so sehr auf den Frühling.«

Nicht Sehnsucht nach Tod und Märtyrertum führte zu jener letzten Flugblattaktion am 18. Februar in der Münchner Universität, eher wohl eine verhängnisvolle Mischung aus Euphorie und Depression. Jakob Schmid, der Hausmeister, beobachtete Hans und Sophie und nahm sie fest. Gewissensbisse hat er deswegen nie gehabt. Er wollte einfach nur für Ordnung sorgen und hätte - so sagte er später vor Gericht - nicht anders gehandelt, wenn die Studenten nur Butterbrotpapier geworfen hätten.

Kurz vor der Hinrichtung am 22. Februar 1943 durften die Eltern die Verurteilten noch einmal sehen. Das letzte Wort, das die Mutter ihrem Kind zusprach, lautete: »Gelt, Sophie: Jesus.« Sophie erwiderte: »Ja, aber du auch.« Und: »Das wird Wellen schlagen.« Sie täuschte sich. Niemand stieg auf die Barrikaden.
Brigitte Kohn


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Uta Ranke-Heinemann
Sie protestierte im Namen der Prinzipien, von denen Hitler glaubte, er habe sie für immer vernichtet: Sophie Scholl.Foto: Archiv.
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