Ausgabe - vom (Datum): 04-26.01.2003
Serie: Interviews mit Personen der Bibel
Sagen Sie mal, Micha ...
...haben Sie jemals Hoffnung gehabt, dass die Menschen wirklich alle »Schwerter zu Pflugscharen« umarbeiten und dass sie hinfort »keinen Krieg mehr führen«?
Micha: Eine schöne Vorstellung. Aber ich muss Sie leider auf ein Missverständnis aufmerksam machen. Sie verwechseln mich mit meinem gleichnamigen Prophetenkollegen, der etwa 100 Jahre nach mir gewirkt hat.
Moment - meine Redaktion hat mich beauftragt, den Propheten Micha zu interviewen. Sind Sie das etwa nicht?
Micha: Doch. Aber ein anderer Micha. Mein Schicksal besteht unter anderem darin, nicht ganz so prominent wie jener Micha zu werden, der in einem eigenen Buch der Bibel verewigt wurde. Was ich eigentlich nie so recht verstanden habe. Denn immerhin gelte ich als einer der standhaftesten Propheten Israels. Und es kann kein Zufall sein, dass ich jetzt vor Ihrem Mikrofon sitze.
Sondern?
Micha: Nennen Sie es Vorsehung. Oder, um in Ihrer Journalistensprache zu bleiben: Die himmlische Presse-Abteilung hat mich aus gutem Grund empfohlen. Denn meine Geschichte könnte so etwas wie ein Wegweiser inmitten Ihrer weltpolitischen Probleme sein.
Erzählen Sie uns Ihre Geschichte.
Micha: Eines Tages hatte sich der israelische König Ahab in den Kopf gesetzt, Krieg gegen die Aramäer zu führen. Ein tapferes Volk, das aus dem Zweistromland stammte, dem heutigen Irak.
Das klingt wahrlich aktuell...
Micha: König Ahab suchte sich einen Verbündeten - und fand ihn in Joschafat, dem König des Nachbarstaates Juda. Und wie es so ist: Die beiden brauchten moralisch-religiöse Rückendeckung für den Krieg. Die erhielten sie von vierhundert falschen Propheten. »Zieh hinauf«! machten sie den Königen Mut, »Gott wird euch das Land Aram in die Hände legen!«
Sie gehörten anscheinend nicht zu diesen Kriegspredigern?
Micha: Nein. Ich war Zeit meines Lebens ein Eigenbrötler und hatte die Worte Gottes nie verfälscht. Also sagte ich ihm die Wahrheit, jenes Traumbild, das ich in der Nacht zuvor hatte: Das Volk Israels ohne Führer, eine vernichtende Niederlage.
Mutig, Mutig ...
Micha: ...aber leider ohne Konsequenzen. Oder besser: mit den falschen. König Ahab warf mich in den Kerker und begann den Krieg gegen die Aramäer. Bei Wasser und trocken Brot wusste ich, was passieren würde... Es war nur eine Frage der Zeit. Aber klären Sie mich doch bitte jetzt mal auf: Wieso interessiert Sie das alles eigentlich so brennend?
Weil wir ebenfalls vor einem Krieg stehen. Nicht ein König, sondern der Präsident des stärksten Landes der Welt möchte ihn führen. Und zwar gegen das Land Irak.
Micha: Ach... gegen das Land der Aramäer? Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Hat Ihr König etwa auch Propheten befragt?
Ja. Viele ermutigten ihn zum Angriff. Aber noch mehr wollen ihn davon abhalten. Der Papst zum Beispiel und der Weltrat aller Kirchen.
Micha: Sehr gut. Dann hat meine Courage ja Schule gemacht. Soll ich Ihnen gar nicht mehr das Schicksal unseres Königs Ahab schildern?
Doch, bitte!
Micha: Er zog verkleidet selbst in den Krieg. An der Front trafen ihn Pfeile der Gegner. Er verblutete elendig.
Das wird unserem Präsidenten nicht passieren. Der zieht nicht selbst in den Krieg, sondern bleibt in sicherer Entfernung in seinem Land.
Micha: Wie blamabel. So viel Schneid sollte er schon aufbringen.
Allerdings. Wir danken Ihnen für das Gespräch.
Interview: Juliane Werding & Uwe Birnstein
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