Ausgabe - vom (Datum): 03-19.01.2003
Sagen Sie mal, Maria,...
  »Maria«, Stephan Lochner, Münchner Pinakothek. Repro: sob
...was haben Sie eigentlich mit den Geschenken der Heiligen Drei Könige gemacht? Weihrauch, Myrre, Schmuck: Ganz schön üppige Gaben...
Maria: In der Tat. Wir waren ziemlich überrascht. Erst diese kalte, unwirtliche Herberge. Dann die Geburt. Und dann diese drei bestens gekleideten Männer aus dem Orient mit ihren Geschenken. Das passte alles nicht zusammen und hat mich ziemlich verwirrt.
Sie sind dann bald wieder zurück nach Nazareth aufgebrochen. Mit den Geschenken?
Maria: Na hören Sie mal. Wir waren nicht wohlhabend. Josef hatte im Winter immer ein tiefes Auftragsloch. Da haben uns die Geschenke über Wasser gehalten.
Sie haben sie verkauft?
Maria: Natürlich. Die Gewürze und Öle haben uns Geld für zwei Monate gebracht. Allerdings haben wir das Gold behalten. Quasi als Ausbildungsversicherung für Jesus. Ich ahnte zwar, dass er die nicht nötig haben würde. Aber sicher ist sicher. Dennoch: Das Gold haben wir für schlechte Zeiten behalten. Aber solange es in unserem Haus war, kam es mir wie ein Fremdkörper vor. Ein unangemessener Luxus. Gold passte nicht zu mir damals.
Oh. Wie gehen Sie dann damit um, dass Sie heute in tausendfacher Ausführung überall in Bayern stehen?
Maria: Ja mei.
»Ja mei«?
Maria: Es gab eine Zeit, da hab ich mich sehr darüber aufgeregt. Wie kommen die Leute dazu, mich einfache Frau zu vergolden? Inzwischen denke ich anders. Gold hat ja nicht nur einen finanziellen Wert. Auch die Weisen aus dem Morgenland wollten uns nichts Wertvolles im oberflächlichen Sinn schenken. Wem etwas viel wert ist, der vergoldet es. Als Zeichen, verstehen Sie?
Nicht ganz.
Maria: Einmal kam eine Frau zu meinem Sohn. Sie hatte das kostbarste Öl benutzt, um seine Füße zu salben. Die Jünger regten sich schrecklich auf. Das sei Verschwendung, meinten sie. Dabei hat diese Frau nur ihre Hochschätzung ausgedrückt. Ähnlich sehe ich es auch mit euren vergoldeten Madonnen. Da verdient sich ja keiner dumm und dämlich dran. Ich sehe es als Zeichen dafür, dass es wichtigere Dinge gibt als den schnöden Luxus.
Aber mit dem Geld hätte man Notleidenden helfen können!
Maria: Ach, ihr protestantischen Gutmenschen! Ihr werdet so leicht moralisch. Eure kargen Kirchen spiegeln aber nichts von der Liebe zu Gott. Ihr habt verlernt, das Heilige zu ehren. Und ihr rümpft die Nase, dass manche katholischen Gotteshäuser vor Gold nur so strotzen. Ihr solltet davon lernen. Weiße Wände und schlichte Holzkreuze drücken nun mal wenig aus vom Geheimnis des Glaubens.
Jetzt werden Sie aber polemisch.
Maria: Entschuldigung, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Aber ich fühle mich in katholischen Kirchen nun mal wohler. Allein schon der Weihrauch. Mmh...
Aber bei uns hören Sie dafür viel bessere Predigten!
Maria: Das würde ich jetzt nicht so unterschreiben. Außerdem ist die Predigt ja nicht das A und O des Gottesdienstes. Was ich an euch mag ist, dass ihr mich nicht anbetet. Das ist nun wirklich zu viel der Ehre.
Wir können also auch mal mit Ihrem Besuch im Gottesdienst rechnen?
Maria: Sicherlich. Aber stellen Sie vorher wenigstens Blumen auf den Altar.
Vielen Dank für das Gespräch
Interview: Juliane Werding & Uwe Birnstein
Übersicht | Druckversion | Textdatei
|