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Ausgabe - vom (Datum): 03-19.01.2003




Die dunklen Kapitel der Bibel (39)

Woran erkennt man Christen?

Meine Frage ergibt sich aus einer Predigt über Römer 6,19-23, wo es um den Herrschaftswechsel durch die Taufe geht, um die Berufung zu einem neuen Leben. Paulus erwartet von einem Christen Zeichen, dass er getauft ist. Woran erkennen wir in unserer heutigen Gesellschaft, dass wir getaufte Christen sind, dass wir anders sind? Woran erkennt man Christsein heute?

  Wer blickt durch? Foto: Derlath



Die ersten Christinnen und Christen erlebten ihre (Erwachsenen)taufe als dramatischen Einschnitt. Die Taufe veränderte alles: ihr Zugehörigkeitssystem (statt Familie und Sippe nun die christliche Gemeinde als primäre Bezugsgruppe), ihr Wertesystem, ihre Einstellung zum Staat, zum Geld, zur Sexualität, zu den damals herrschenden Klassenunterschieden - um nur einiges zu nennen. Sie wussten auch, dass die Taufe lebensgefährlich war: Wer »in Christus hinein« getauft wird, wird auch in seinen Tod hineingetauft, und das konnte bedeuten, dass er oder sie die eigene Überzeugung ebenso wie Jesus Christus mit dem Leben bezahlen muss.

Die urchristliche Gemeinde verstand sich in vielfacher Hinsicht als Gegenentwurf zur herrschenden Kultur, die eine militaristische Klassengesellschaft war. In der christlichen Gemeinde begannen sich Sklaven und Sklavinnen einerseits und Herrinnen und Herren andererseits, auf Augenhöhe zu begegnen, als Geschwister in Christus. Man begann, die Ebenbürtigkeit von Mann und Frau zu achten. Bestimmte Berufe wie der des Soldaten waren für Christen tabu. Wie konnten Jünger des Herrn, der aus Liebe zu allen Menschen den Tod auf sich genommen hat, andere Menschen töten?

Erkennbarkeit der ersten Christen

Vor allem aber lehnten die ersten Christinnen und Christen den Kaiserkult ab. Jeder römische Staatsbürger musste regelmäßig dem Genius des Kaisers ein Opfer darbringen. Für die Christen war das Götzendienst: »Kyrios Christos!« - »Der Herr ist Jesus!« war ihr Bekenntnis. Sie waren durchaus bereit, dem Kaiser Steuern zu zahlen und gute Bürger zu sein. Aber Anbetung der Staatsmacht war ihre Sache nicht. Sie hatten nur noch einen Herrn.

Die unbeugsame Haltung und die Erkennbarkeit der Christen brachte ihnen neben der Verfolgung großen Respekt ein. In einer maroden und dekadenten Gesellschaft fiel ihr alternativer Lebensstil auf. Insbesondere ihre geschwisterliche Liebe untereinander und ihr ethischer Lebenswandel waren attraktiv. Und so wuchs die Kirche trotz - oder wegen? - aller Verfolgungen. All das änderte sich erst, als das Christentum allmählich geduldet und später sogar zur Staatsreligion wurde. Plötzlich strömten die Massen der Angepassten zur Taufe. Die Kirche übernahm viele Funktionen der vorherigen Reichsreligion, sie segnete den Kaiser und seine Feldzüge, sie verlangte von den Gläubigen keinen radikal neuen Lebenswandel, sondern schuf die Einrichtung der Beichte. Viele lebten wie eh und je und holten sich ab und zu die ritualisierte Vergebung ab. Kirche und Welt wurden immer mehr eins.

Nur einige wollten weiterhin »mit Ernst« Christinnen und Christen sein. Sie zogen in die Wüste, um dort in Armut und Gemeinschaft oder sogar als Einsiedler zu leben. So entstand das Mönchtum.

Im Laufe der Kirchengeschichte hat es immer wieder Bewegungen gegeben, die ein radikaleres Christentum der Jesusnachfolge gepredigt haben und zu praktizieren versuchten. Manchmal wurden sie verfolgt, auch von der Kirche, manchmal wurden sie »integriert«, wie etwa die franziskanische Bewegung der Bettelorden.

In der heutigen westlichen Gesellschaft herrscht Religionsfreiheit. Viele Wertvorstellungen des Christentums sind - zumindest auf dem Papier - Allgemeingut geworden (Menschenrechte, Frauenrechte, soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung aller Menschen). Aber die Kirchen und viele Christen haben sich auch kräftig angepasst. Sie lassen Steuern vom Staat einziehen, sie genießen Privilegien, ihre Kritik an bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen ist meist verhalten. Geht es dem Staat wirtschaftlich gut, geht es auch den Kirchen gut, geht der Staat wirtschaftlich unter, geht auch die Kirche wirtschaftlich unter. Der amerikanische Friedensaktivist Jim Wallis hat das bereits in den Zeiten des Kalten Krieges so formuliert: »Im Osten werden die Christen verfolgt. Im Westen werden sie verführt. Die Verführung ist die tödlichere Gefährdung des Glaubens.«

Verbindliche Gemeinschaft

Aber auch heute gibt es Gruppen und Kreise, die nach einem angemessenen und deutlich erkennbaren christlichen Lebensstil für heute suchen. Sie engagieren sich für Frieden und Gerechtigkeit, sie treffen sich zu Gebet, Bibelstudium und Meditation, sie versuchen in Familie und Beruf aufrecht und lauter zu leben, sie gehen mit Mitmenschen, Tieren und Schöpfung achtsam um, sie kümmern sich um Obdachlose und Suchtkranke, sie besuchen Kranke und begleiten Sterbende, sie suchen die Stille und leben in verbindlicher Gemeinschaft und Freundschaft. All das vielleicht unspektakulär. Aber wie die ersten Christen erinnern sie sich daran, dass sie Bürger zweier Welten sind, dass sie nicht von Leistung und Erfolg und Gesundheit und Schönheit leben, sondern von Gottes Liebe. Viele von ihnen werden nicht viel über ihren Glauben reden, aber Auskunft geben, wenn sie gefragt werden. Und viele von ihnen werden irgendwann einmal gefragt, was ihnen Hoffnung gibt.

Diese Menschen sind auch heute der Sauerteig des Reiches Gottes und der Vortrupp des Lebens und der neuen Welt Gottes. Sie halten sich nicht für Heilige, und doch tragen sie bei zur Heilung der Welt. Sie haben einen Herrn und sind deshalb fähig, anderen zu dienen. Es gibt sie überall.

Andreas Ebert






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