Ausgabe - vom (Datum): 45-10.11.2002
Die dunklen Kapitel der Bibel (32)
Gottes Geduld am Ende?
»Als Jesus mit den Seinen von Betanien wegging, hungerte ihn. Und er sah einen Feigenbaum von ferne, der Blätter hatte; da ging er hin, ob er etwas darauf fände. Und als er zu ihm kam, fand er nichts als Blätter; denn es war nicht die Zeit für Feigen. Da fing Jesus an und sprach zu ihm: Nun esse niemand mehr eine Frucht von dir in Ewigkeit! Und seine Jünger hörten das.« (Markus 11,12-14)
Gewaltaktion: die Tempelaustreibung Jesu von Rembrandt. Foto: Lachmann
Jesus verflucht den Feigenbaum, der keine Frucht bringt, obwohl derzeit keine Erntezeit ist. Was soll das? Im Vers 22 lenkt Jesus auf die Nachfrage von Petrus hin vom Thema ab: »Als sie am Morgen an dem Feigenbaum vorbeigingen, sahen sie, dass er verdorrt war bis zur Wurzel. Und Petrus dachte daran und sprach zu ihm: Rabbi, sieh, der Feigenbaum, den du verflucht hast, ist verdorrt. Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Habt Glauben an Gott!«
Form und Inhalt dieses Textes lassen die Vermutung zu, dass es bei der Geschichte mit dem Feigenbaum um eine jener prophetischen Zeichenhandlungen geht, die Jesus in der Tradition und im Stile der alttestamentlichen Propheten vornimmt. Ohne Kenntnis dieses Hintergrunds würde Jesus hier nur als eigenartig unbeherrscht, ungerecht, launisch erscheinen. In die Episode mit dem Feigenbaum ist jene andere verwoben, die von der so genannten Tempelreinigung, ebenfalls eine prophetische Zeichenhandlung. Das Kennzeichen solcher Zeichenhandlungen ist der auffällige, öffentlichkeitswirksame Auftritt, der durchaus auf schockierende Wirkung setzt. Propheten greifen, wenn ihre Worte ungehört verhallen, zu solchen »Aktionen«, die an pantomimische Darstellungen erinnern. So zerschmettert etwa der Prophet Jeremia einmal in aller Öffentlichkeit einen Krug. Die Aufmerksamkeit der Menschen ist eine ungleich höhere als beim gesprochenen Wort.
Die Zeichenhandlungen sind in der Regel ohne weiteres verständlich. Wer von den Umstehenden dennoch eine Interpretation braucht, der soll sie bekommen. Im kurzen und kräftigen »Deutewort« erfährt er sie. Im Falle des Kruges bei Jeremia ist die Deutung klar und will sagen: So wie der Krug zerschmettert wird, so wird das Volk Israel zerschmettert werden, wenn es nicht zum lebendigen Gott umkehrt.
Im Falle der Tempelreinigung durch Jesus muss nicht ausgesprochene Gewaltanwendung vorliegen. Die Zeichenhandlung »funktioniert« auch, wenn sie nur »pantomimisch« ausgeführt wird, und das Deutewort beseitigt letzte Unklarheiten. »Mein Haus soll ein Bethaus heißen für alle Völker. Ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht«, spricht Jesus in Anlehnung an Jeremia 7. Im Falle der Verfluchung des Feigenbaums ist die Deutung weniger klar und das Deutewort, das den Glauben an Gott empfiehlt, zu allgemein gehalten, als dass es für die Auslegung entscheidend weiterhelfen könnte. »Glaubt an Gott !« Diese Aussage gilt immer, und der Zusammenhang mit dem Verdorren ergäbe den Charakter der Drohung - untypisch für Jesus, der doch sonst zum Glauben einlädt, statt zu drohen.
Dass es trotz des Feigenbaums nicht um den Feigenbaum als solchen geht, sondern dass der stellvertretend für andere Adressaten steht, ist ohne weitere Erläuterung klar. Den eigentlichen Sinn gibt erst die Fortsetzung her: »Wahrlich, ich sage euch: Wer zu diesem Berge spräche: Heb dich und wirf dich ins Meer! und zweifelte nicht in seinem Herzen, sondern glaubte, dass geschehen werde, was er sagt, so wird's ihm geschehen.« Mithin handelte es sich um eine Art Demonstration starken Glaubens und um die Aufforderung, ebenso stark zu glauben. Zugleich erweist Jesus mit der Zeichenhandlung seine Nähe zu den großen Propheten und mit dem sogleich Wirkung zeigenden Fluch über den Feigenbaum seine Vollmacht.
Dass diese Szene innerhalb der Bibel selbst umstritten ist und - nach allem, was sonst mit Jesus zu erleben war - als zu hart empfunden wurde, zeigt die Art, wie Lukas diese Episode in sein Evangelium übernommen hat. Lukas mit dem großen Herzen für die Sünder und für alle Verlorenen versteht das eigentliche Anliegen Jesu möglicherweise am besten, wenn er der Feigenbaumgeschichte eine ganz eigene Interpretation gibt.
Er erzählt von einem Herren, der mit seinem Gärtner durch den Weinberg geht. Da fällt ihm ein Feigenbaum auf und »er sprach zu dem Weingärtner: Siehe, ich bin nun drei Jahre lang gekommen und habe Frucht gesucht an diesem Feigenbaum und finde keine. So hau ihn ab! Was nimmt er dem Boden die Kraft? Der Weingärtner aber antwortete und sprach zu ihm: Herr, lass ihn noch dies Jahr, bis ich um ihn grabe und ihn dünge. Vielleicht bringt er doch noch Frucht; wenn aber nicht, so hau ihn ab.« In dieser Interpretation ist schließlich jener Jesus besser zu erkennen, der die Geschichte vom Verlorenen Sohn erzählt und die vom Verlorenen Schaf und die vom Verlorenen Groschen und der empfiehlt, 7 mal 77 mal zu vergeben.
Rainer Gollwitzer
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