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Ausgabe - vom (Datum): 42-20.10.2002




100 Jahre Baptisten in München

Heilsame Irritationen

Am 25. Oktober feiern die Münchner Baptisten 100-jähriges Jubiläum. Im Gemeindezentrum im Glockenbachviertel treffen sich eine Reihe verschiedener Gemeinschaften zu unterschiedlich geprägten Gottesdiensten. Baptisten stehen in evangelischer Tradition, aber vieles funktioniert anders als in der evangelisch-lutherischen Volkskirche.
Von Uwe Birnstein


Vorbereitung auf die Taufe...

 Vorbereitung auf die Taufe: Die so genannte »Glaubenstaufe« besiegelt die Zugehörigkeit zur Gemeinde. In einem Taufbecken hinter dem Altar werden Jugendliche oder Erwachsene getauft - und zwar durch Untertauchen. Foto: Birnstein



Das Münchner Glockenbachviertel: Piercing-Studios und Schwulenbars, Öko-Bäcker und das Künstler-Caf‚ »Seitensprung«. Und mittendrin, verborgen in einem Hinterhof, die größte Baptistengemeinde Bayerns. Kein Hort der Rechtgläubigen und Moralisten, sondern einer jener wenigen Orte in Münchens Innenstadt, an denen multikulturelles Zusammenleben funktioniert. Denn die Münchner Dependance der größten evangelischen Freikirche Deutschlands hat Internationalität zum Programm gemacht. Wer am Wochenende das Gemeindezentrum Holzstraße besucht, bekommt einen Eindruck nicht nur von deutsch-gesetzter Freikirchenfrömmigkeit, sondern spürt den Hauch fremder Kulturen. Besucher haben die Wahl unter verschiedenen Gottesdienstformen.

Im Latino-Gottesdienst tanzen und klatschen die Gläubigen zu Santana-ähnlichen Liedern einer Band. Einige Gottesdienstbesucher lesen Stellen der Bibel vor, die ihnen in der vergangenen Woche geholfen haben. Während der Predigt des argentinischen Pastors Jos‚ Luis Malnis steigen einigen Gläubigen Tränen der Ergriffenheit in die Augen. Ähnlich temperamentvoll geht es im Gottesdienst der »International Baptist Church« zu. Hier bestimmen Gospels und traditionelle US-amerikanische Baptistenlieder die Atmosphäre. Bevor Pastor Bob Bradley in die Isarmetropole kam, missionierte er in Israel, Rom und Hongkong. Jetzt betreut er rund 120 englisch und französisch sprechende Baptisten Münchens, die meisten von ihnen stammen aus den USA und afrikanischen Ländern. Berührungsängste sind hier unbekannt. Wie ein Multi-Kulti-Ameisenhaufen wirkt es, wenn am Beginn des Gottesdienstes die Besucher sich per Handschlag begrüßen. Nicht nur die Nebenfrau, sondern jeden Glaubensbruder und -schwester. Wieder anders die Bethania-Gemeinde, in der sich Gläubige der ehemals Krieg führenden Volksgruppen Jugoslawiens treffen. In fast paradiesischer Eintracht singen bosnische, kroatische und serbische Männer und Frauen slawisch anmutende Kirchensongs im Pop-Gewand. Gitarrist der Band ist Bozidar Palijan, in der Gemeinde »Bobby« genannt. Ohne Manuskript hält der 32-Jährige seine Predigt, die schon mal eine volle Stunde dauern kann. Hauptberuflich ist Palijan Elektriker beim Münchner Verkehrsverbund. Beseelt für den christlichen Glauben, nutzt er seine Freizeit für den Pastoren-Beruf. Ohne theologisches Studium leitet er hingebungsvoll die »Bethania«-Gemeinde.

Und die Deutschen? »In einer Zukunftswerkstatt haben wir uns einen Bibelvers als Vision für unsere Gemeinde ausgewählt«, erzählen die Pastoren Andrea und Kim Strübind: »Mein Haus soll ein Bethaus sein für alle Völker.« Gemeinsam mit der Gemeinde setzt das Pastoren-Ehepaar diesen Spruch konsequent um. »Wir möchten, dass die internationalen Gemeinden nicht nur Gastrecht bei uns haben, sondern dass wir mit ihnen gemeinsam unseren Glauben leben, dass wir sie integrieren«. Das führt zu heilsamen Irritationen und langsamen Lernprozessen auf beiden Seiten.

Weshalb ihre deutschen Glaubensgeschwister so wenig Temperament im Gottesdienst zeigen, wundern sich die Latinos. Und manche Deutschen blicken leicht pikiert, wenn die lateinamerikanischen Glaubensgeschwister nach einer Taufe aufstehen und klatschen. »Wir können viel voneinander lernen«, beteuert Andrea Strübind, die neben der Gemeindearbeit als Privatdozentin für Kirchengeschichte an der Heidelberger Universität unterrichtet. Auch ihr Mann Kim ist nicht nur Seelsorger, sondern leidenschaftlicher Theologe.

Die theologische Redlichkeit des promovierten Pastorenpaares wehrt der Versuchung des Fundamentalismus etwa der konservativen »Southern Baptists« in den USA oder des pfingstlerisch geprägten Charismatikertums. Während in vielen baptistischen Gemeinden Deutschlands eher theologische Enge und (vermeintlich biblischer) moralischer Rigorismus herrschen, ist in der Münchner Holzstraßengemeinde der freie Geist des Glaubens zu spüren.

Dass Kim und Andrea Strübind die Münchner Innenstadtgemeinde in großer Freiheit prägen können, hat einen Grund in der Struktur der Freikirche. Keine »kirchenleitenden Organe« bestimmen den Kurs, jede Gemeinde ist autonom und muss sich selbst finanzieren. Anders als ihren landeskirchlichen Kolleginnen und Kollegen flattern den Strübinds keine kirchenamtlichen Verlautbarungen und Gesetzessammlungen auf den Schreibtisch.

Obwohl die Baptisten keine Kirchensteuer einziehen, hat die Münchner Gemeinde keine Finanzsorgen. Denn die 650 Gemeindeglieder spenden ein Vielfaches mehr als die Mitglieder der Volkskirchen - im Schnitt über 1000 Euro im Jahr. »Dabei bleibt uns aus guten Gründen unbekannt, wer wie viel spendet«, erläutert Pastorin Strübind und baut damit dem Vorurteil vor, direkte Spenden könnte das Wohlwollen der Gemeinde bestimmen.

Erwachsenentaufe als Unterscheidungsmerkmal

Wieso das alles funktioniert, liegt auf der Hand: Bei den Baptisten sammeln sich - wie in jeder Freikirche - nur jene Christen, bei denen eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus im Vordergrund steht. Während sich volkskirchliche Gemeinden um Tausende Mitglieder zu kümmern haben, die allerhöchstens am Heiligabend und zu Ostern die Kirche besuchen, gehören bei den Baptisten fast alle Gläubigen zur Kerngemeinde. Glaube und Gemeindeleben bilden hier ein unauflösliches Paar.

Die »Glaubenstaufe« besiegelt die Zugehörigkeit zur Gemeinde und wird zum einigenden Band zwischen den Christen der unterschiedlichen Nationen. In einem Taufbecken hinter dem Altar werden Jugendliche oder Erwachsene getauft - und zwar durch Untertauchen. »Wir taufen nicht aus dogmatischen Erwägungen«, erklärt Pastor Kim Strübind, »sondern aufgrund biblischer Erkenntnisse.« Schließlich sei an keiner Stelle der Bibel von der Kindertaufe die Rede, erklärt Strübind und weiß sich mit bedeutenden Theologen wie Karl Barth einer Meinung, der einmal sagte, die Schlaftaufe führe zu Schlafchristen. Das Untertauchen als Bild für das Sterben des »alten« Menschen und das Wiederauftauchen als Zeichen der Neugeburt sei außerdem ein Symbol mit großer seelsorgerlicher Wirkung.

So sehr die Glaubenstaufe dem Wortlaut einzelner Bibelstellen gerecht werden mag - für die ökumenische Zusammenarbeit stellt sie eine hohe Hürde dar. Denn konsequenter Weise erkennen Baptisten - wie die meisten Freikirchen - vollzogene Kindertaufen nicht an. »Deshalb wäre es auch falsch zu behaupten, wir würden wiedertaufen«, rechtfertigt Strübind diese Praxis, »denn für uns ist die Kindertaufe ja keine Taufe im biblischen Sinn.«


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TIPP

 Jubiläums-Festgottesdienst am 27. Oktober um 10 Uhr in der Münchner Holzstraße 9.
 Einen Film von Uwe Birnstein über die Münchner Baptisten zeigt das Bayrische Fernsehen am kommenden Sonntag, 27. Oktober, um 10.15 Uhr.


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