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Ausgabe - vom (Datum): 42-20.10.2002




Die dunklen Kapitel der Bibel (29): Rätselhafter Gott

Verstockt sein oder verstockt werden?

»Er hat ihre Herzen verstockt.« (Johannes 12,40). Was will Gott damit erreichen? Sind verstockte Menschen, etwa diejenigen, die nach Jesu Kreuzigung verlangt haben, entlastet, weil doch Gott selbst sie verstockt hat?

E. M., Ismaning



  Foto: Derlath



Mit der »Verstockung«, wie sie von der Bibel geschildert wird, hat es in der Tat eine besondere Bewandtnis. Als »verstockt« werden Menschen bezeichnet, die eine Botschaft des lebendigen Gottes nicht annehmen wollen. Im Buch Exodus (2. Mose) berichten die Kapitel 7-9 eindrücklich vom »verstockten Herz« des Pharao. Er hört nicht auf Gott und seinen Boten Mose, er entlässt das Volk Israel nicht aus der Sklaverei und bekommt die Strafe Gottes, die bekannten Plagen, zu spüren. Als »verstockt« in diesem Sinne gelten auch Feinde Israels während der Landnahme, also während des Einwanderns der zwölf Stämme aus der Wüste in das Kulturland Palästinas.

Bald wird der Begriff der »Verstockung« freilich von den Propheten auch auf das eigene Volk Israel angewandt. Israel zeigt sich in seinem steten Hang zu den Kulten der Nachbarvölker als so sehr »verstockt«, wie es zuvor nur den Ägyptern und dem Pharao vorbehalten war. Dabei bleibt der Begriff zunächst in der Schwebe. Verhält sich Israel »verstockt«, weil es der Stimme Gottes nicht folgen mag, aus Ungehorsam? Oder verhält sich Israel »verstockt«, weil es von Gott »verstockt worden« ist, also nicht anders kann, als verstockt zu sein? Die Klage in Jesaja 63,17 klingt sehr selbstkritisch: »Warum lässt du uns, Herr, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten?« Und zugleich ist es die auch heute aktuelle Frage an Gott, warum er es zulässt, dass wir unsere Freiräume gegen ihn einsetzen und zugleich uns selbst zum Schaden nutzen.

Das Neue Testament nimmt Bezug auf den alttestamentlichen Begriff der »Verstockung« und entwickelt eine eigene »Verstockungstheorie«. Derzufolge ist die Heilsgeschichte Gottes mit seinem »Alten Volk« zunächst beendet, weil es Jesus, den Gesalbten, den Messias, den Christus, abgelehnt hat. Gott habe sich ein »Neues Volk« erwählt: die Christen.

Die Verfasser der Evangelien, insbesondere aber Paulus, dazu der Verfasser des Hebräerbriefs nennen diese »Verstockung« des Volkes Israel zum einen zwar selbst verursacht, werten sie zum andern aber zugleich als Strafe Gottes: ein Unheil, das in seinem Heilsplan dennoch eine wichtige Rolle spielt. Am Ende soll auch Israel wieder seinem Gott folgen und den Messias erkennen. Da soll die »Decke von ihren Augen« genommen werden, schreibt Paulus in 2. Korinther 3: »Ihre Sinne wurden verstockt. Denn bis auf den heutigen Tag bleibt diese Decke unaufgedeckt über dem Alten Testament, wenn sie es lesen, weil sie (diese Decke) nur in Christus abgetan wird. Bis auf den heutigen Tag, wenn das Gesetz gelesen wird, hängt die Decke vor ihrem Herzen. Wenn Israel sich aber bekehrt zu dem Herrn, so wird die Decke abgetan.«

Eine wichtige, eine interessante »Theorie«, diese »Verstockungstheorie«, die freilich im Nebeneinander von Judentum und Christentum - bei entsprechend judenfeindlicher Auslegung - viel Unheil angerichtet hat. Wir verfahren mit ihr, wie mit allen Theorien zu verfahren ist: Wir bedenken, dass sie das Rätsel der getrennten Entwicklung von Juden und Christen lösen will. Wir bedenken, wie sehr sie befangen ist in ihrer seinerzeitigen Welt, in ihrer Gedankenwelt, in ihrer Glaubenswelt. Und wir bedenken, dass Theorien immer nur vorläufig gelten, und ihre Zeit abgelaufen ist, sobald sie von neuen, anderen, besseren Theorien abgelöst werden können.

Längst ist es Zeit, diese »Verstockungstheorie« aufzugeben, höchste Zeit, sich nicht mehr zu fixieren auf die eventuelle »Verstockung der anderen«, sondern die eigenen und hausgemachten »Verstocktheiten« aufzuspüren, sie nicht Gott, sondern sich selbst anzulasten. Höchste Zeit insbesondere, Israel zu begreifen als »Kinder des einen Vaters« und als Weggenossen auf der Suche nach dem gemeinsamen Vaterhaus.
Rainer Gollwitzer








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