Ausgabe - vom (Datum): 41-13.10.2002
40 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil
Aufbruch zu neuen Ufern
Vor 40 Jahren eröffnete Papst Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische Konzil. Die katholische Kirche hat sich der Moderne geöffnet, bevor der konservative Johannes Paul II. das Rad wieder zurückdrehte. Warum der Ruf nach einem neuen Konzil berechtigt ist.
Von Christian Feldmann
Man kann die kirchenhistorische Uhr danach stellen: Regelmäßig alle sechs Monate ertönt unweigerlich aus einem Winkel der katholischen Kirche der Ruf nach einem neuen Konzil. Von einem Dritten Vatikanum schwärmen längst nicht nur notorische Romkritiker. Der prominenteste Rufer war vor wenigen Jahren der Mailänder Kardinal Carlo Martini, der polyglotte, etwas mondäne Jesuit und geistliche Schriftsteller; er galt lange als Papstkandidat des Reformerflügels unter den Bischöfen, bis er im vergangenen Jahr zurücktrat.
Von bedächtigen Autoritäten nicht nur in Rom werden solche Vorschläge ebenso regelmäßig abgeblockt. Die Motive dabei sind vielschichtig. Entweder ist man gegen ein Drittes Vatikanum, weil das Zweite (1962-1965) schon so viel Unheil angerichtet und man immer noch alle Hände voll zu tun habe, um die Schadensflut einzudämmen. Kardinal Giuseppe Siri von Genua, bei den Papstwahlen 1978 ernsthafter Kandidat des erzkonservativen Lagers, prophezeite wenig schmeichelhaft nach dem Tod Johannes XXIII., die Kirche werde mindestens 50 Jahre brauchen, um sich von den Irrwegen dieses Mannes zu erholen.
Angst vor Konsequenzen des Zweiten Vatikanums
Aber auch Leute wie der vatikanische Glaubenspräfekt Kardinal Joseph Ratzinger warnen vor zu forschen Interpretationen der damaligen Bischofsversammlung und beschwören immer dann den doch viel wichtigeren versöhnlichen »Konzilsgeist« herauf, wenn zu wörtliche, zu konkrete Konsequenzen aus den Texten von damals gezogen werden sollen.
Dann gibt es die andere, die liberale Fraktion der Bremser: Weil das Zweite Vatikanum noch längst nicht in die Praxis umgesetzt worden sei und der Aufbruch noch gar nicht wirklich begonnen habe, mache es keinen Sinn, schon wieder ein Konzil zu veranstalten. Genau das ist freilich das Motiv der Konzilsvisionäre: dem Aufbruch in der Kirche und aus der Kirche in die Welt hinein auf die Sprünge zu helfen.
Das war es ja auch, was der »Vater« und Motor des Zweiten Vatikanums, Johannes XXIII., mit seiner Konzilsidee bezweckte, die er mit zäher Energie gegen den Widerstand kurialer Kreise durchsetzte. »Eine glühende Erneuerung des Lebens der Kirche, eine neue und kraftvolle Ausstrahlung des Evangeliums in der ganzen Welt« solle die Bischofsversammlung bringen, wünschte er sich und präzisierte, was diese Welt von der Kirche erwarte: »Wir sind nicht auf der Erde, um ein Museum zu hüten, sondern um einen blühenden Garten voller Leben zu pflegen.«
Am 11. Oktober 1962, vor genau 40 Jahren, ziehen 2540 Konzilsväter über den Petersplatz in den riesigen Dom, eineinhalb Stunden lang, eine nicht enden wollende Prozession, ein Wald von weißen Mitren über Gesichtern jeder Hautfarbe, verstreut darunter die goldschimmernden Kronen der orientalischen Patriarchen. Zum ersten Mal in der Geschichte versammelt sich tatsächlich die Weltkirche in Rom, Afrikaner, Asiaten, Lateinamerikaner aus den jungen Kirchen der Dritten Welt, nicht bloß die importierten Missionsbischöfe aus dem alten Europa.
Mitten unter den Bischöfen und Äbten aus allen fünf Erdteilen der greise Papst, der statt der Tiara ebenfalls eine Bischofsmitra trägt und nach dem Einzug in den Petersdom von seinem Tragsessel steigt, um zu Fuß zum Altar weiterzugehen. Er will einer von ihnen sein, Bischofsbruder, kein Papstkönig an der Spitze eines Herrschaftsclans.
Versteinerte Mienen und atemlose Stille
Ein Beispiel will er ihnen geben, damit sich die Kirche wandelt: Gemeinschaft des Gottesvolkes statt Machtpyramide. Pilgerndes Gottesvolk, in der Geschichte unterwegs, lernend und sich entwickelnd, heilig und sündig, noch lange nicht am Ziel, um die Gefahr wissend, sich mit dem Reich Gottes zu verwechseln. Dienst statt Macht. Verpflichtung zum Zeugnis statt Lust am Herrschen.
Doch die farbenprächtige Eröffnungsprozession ist nur ein schönes Bild. Was von diesem Tag bleibt und den Lauf der Kirchengeschichte verändert, ist die Ansprache des Papstes, gründlich vorbereitet, mit klangvoller Stimme lateinisch vorgetragen, die Summe der Lebenserfahrung eines alten Mannes - und gleichzeitig die prophetische Vision eines liebenswürdigen Rebellen. Während der Papst spricht, versteinert sich die Miene des im Amt des Glaubenswächters ergrauten Kardinals Ottaviani, der rechts neben ihm sitzt, es versteinern sich noch mehr Gesichter in seiner Nähe, aber auf den Tribünen der Bischöfe aus 133 Nationen und auf den Pressebänken sperren sie die Ohren auf:
»In der täglichen Ausübung Unseres Hirtenamtes«, erklärt der Pontifex ebenso feierlich wie offenherzig, »geschieht es nicht selten, dass Stimmen zu Uns dringen und Unser Ohr verletzen, die zwar von religiösem Eifer brennen, aber nicht in gleicher Weise mit Takt und Urteilsvermögen begabt sind. In den gegenwärtigen Bedingungen der menschlichen Gesellschaft vermögen sie nichts als Verrat und Zerstörung zu erkennen, sie sagen, dass unser Zeitalter im Vergleich zur Vergangenheit nur zum Schlechteren abgeglitten sei; und sie benehmen sich so, als hätten sie nichts aus der Geschichte gelernt, die eine Lehrmeisterin des Lebens ist...«
»Wir aber müssen diesen Unglückspropheten entschieden widersprechen«, erklärt Johannes in die atemlose Stille hinein, »die immer nur Unheil vorhersagen, als stünde das Ende der Welt bevor. In der gegenwärtigen Entwicklung, in der die menschliche Gesellschaft offenbar zu einer neu-en Ordnung der Dinge geführt wird, ist eher ein verborgener Plan der göttlichen Vorsehung zu erkennen, der durch die Bemühungen der Menschen, aber über deren Erwartungen hinaus ihr eigenes Ziel verfolgend, noch höhere und ungeahnte Hoffnungen verwirklicht.«
In dieser Situation dürfe sich die Kirche keineswegs von der unveräußerlichen, von den Vätern empfangenen Überlieferung der Wahrheit abwenden; gleichzeitig müsse sie aber die neuen Lebensbedingungen und -formen der Gegenwart ernst nehmen. Johannes: »Unsere Aufgabe ist es nicht, diesen kostbaren Schatz nur zu hüten, als ob wir uns bloß mit der Vergangenheit beschäftigten, sondern wir wollen uns mit Eifer, furchtlos, der Aufgabe widmen, die unser Zeitalter stellt.«
Sicher gebe es falsche Lehren und gefährliche Meinungen, und die Kirche habe sie immer verurteilt, beruhigt der Papst die ängstlichen Gemüter in den eigenen Reihen. »Heute dagegen zieht die Braut Christi [die Kirche] es vor, eher die Medizin der Barmherzigkeit anzuwenden als die Waffen der Strenge zu gebrauchen. Sie meint, dass es den heutigen Erfordernissen besser entspricht, die Überzeugungskraft ihrer Lehre darzutun, als eine Verurteilung auszusprechen.«
Kaum hatten sie ihren ersten Schock überwunden, streuten die listigen Gegner des vorwärtspreschenden Papstes das Gerücht aus, der brave Johannes habe sich übertölpeln lassen und einen Text vorgelesen, der in seinen gefährlichen Passagen von Kardinal Suenens - einem Repräsentanten des »liberalen« Lagers - oder dem deutschen Jesuitenpater Bea stamme. In der offiziellen Dokumentation des Apostolischen Stuhls erschien eine zensierte, geglättete, von beunruhigenden Pointen befreite Fassung der Rede.
Papst Johannes ließ sich nicht irremachen. Er träumte weiter von einer dienenden, prophetischen, unaufdringlich Zeugnis für ihre Botschaft ablegenden Kirche. Kirche nicht als Selbstzweck, selbstgerecht, selbstgenügsam, sondern denen verpflichtet, die noch auf der Suche sind oder gar nicht wissen, was sie suchen sollen. Johannes: »Man redet immer noch viel zu sehr von 'an sich' statt 'für den Menschen'.«
Als Johannes XXIII. am 3. Juni 1963 starb, war erst eine Sitzungsperiode des im vorausgegangenen Herbst eröffneten Konzils vorüber; vier sollten es insgesamt werden. Aber die Bischofsversammlung hatte die Türen der Kirche bereits weit geöffnet, wie es sich der Roncalli-Papst gewünscht hatte. Die Anerkennung anderer christlicher Gemeinschaften als Kirchen, das Bekenntnis zur Religionsfreiheit, die neue Hochachtung anderen Religionen gegenüber, die Betonung der Mitverantwortung der Bischöfe in der Kirchenleitung, die Anerkennung eigenständiger Laienaktivitäten, die Solidarität mit den Sehnsüchten und Sorgen der Zeit - alles das ist heute selbstverständlich, klingt banal und musste damals in Rom doch erst unter harten Kämpfen durchgesetzt werden.
Natürlich sind die Ergebnisse dieses Konzils ambivalent wie immer, wenn Menschen zu neuen Ufern aufbrechen. Natürlich ist die Versuchung groß, sich an juristische Normen und hierarchische Entscheidungsstrukturen zu klammern, in Abgrenzungen zu flüchten, Barrieren zu errichten. Statt der Welt ein attraktives Vorbild zu liefern, beginnt man bereits wieder, Verurteilungen auszusprechen. Statt die im Evangelium verkündete angstfreie Geschwisterlichkeit vorzuexerzieren, hagelt es aus Rom in letzter Zeit immer öfter Gesprächs- und Denkverbote.
Die Seligsprechung des gütigen Rebellen Johannes XXIII. vor zwei Jahren - auch sie musste gegen harte Widerstände im Vatikan selbst durchgesetzt werden - hat wohl denen den Rücken gestärkt, die eine Fortschreibung und Bekräftigung seines Konzils durch ein Drittes Vatikanum fordern. Erste Schritte sind gemacht.
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