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Ausgabe - vom (Datum): 34-25.08.2002




Vor den Fernseh-Duellen zwischen Kanzler und Kandidat

Im Lehnstuhl keine Demokratie

Das Fernsehen ist ein Medium zum Zurücklehnen. Das Bier in der einen, die Chips-Tüte in der anderen Hand, holt man sich die Welt ins Wohnzimmer - sei es der Tatort oder die Flutkatastrophe. Wissenschaftler haben das Fernsehen deshalb neudeutsch »lean-back-medium« genannt: das Medium für den passiven Konsum.

Es sei den Fernsehzuschauern herzlich gegönnt, sich bei den Volksmusikabenden, den Action-Filmen, den Krimis und den Herz-Schmerz-Streifen wohlig zu entspannen und genüsslich zurückzulehnen. Leider jedoch wird in zunehmendem Maße auch die Politik von der Konsummentalität des Zuschauers erfasst.

Die Namen der Polit-Talkerinnen Sabine Christiansen, Maybrit Illner und Sandra Maischberger stehen für den ritualisierten wöchentlichen Schlagabtausch von Politikern und Politikerinnen, die in Endlosschleifen durcheinander redend dem Publikum zu suggerieren versuchen, hier würde politische Meinungsbildung betrieben. Die Millionenquoten der politischen Talksendungen stehen jedoch in einem krassen Missverhältnis zur wachsenden Politikverdrossenheit der Deutschen und der damit verbundenen wachsenden Anzahl von Wahlverweigerern.

Könnte es sein, dass das Fernsehen dem deutschen Michel im Lehnstuhl damit allwöchentlich suggeriert, dass die Demokratie auch ohne ihn funktioniert? Könnte es sein, dass das Fernsehen vorspiegelt, die Demokratie sei lebendig, solange nur Politiker im Fernsehen reden?

Nun werden ab diesem Sonntag (eine weiteres »Duell« folgt am 8. September) der Kanzler und der Kandidat nach dem amerikanischen Muster der Präsidentschaftswahlen in einen Schlagabtausch im Minutentakt treten - nach dem Motto: Wer telegen daherkommt, den angemessenen Anzug nebst passender Krawatte trägt und eine schnelle Klappe hat, gewinnt.

Der Fernsehzuschauer erhält Gelegenheit, vom Lehnstuhl aus seine Wahl zu treffen. Er kann darauf verzichten, sich über komplexe Sachverhalte aus der Zeitung zu informieren, er muss keine Parteiprogramme lesen, und schon gar nicht muss er sich etwa politisch an der Basis engagieren. Das Fernsehen liefert ja die Kanzlerköpfe frei Haus.

Das Wahlvolk könnte indessen durch die mediale Präsentation zu der irrigen Auffassung gelangen, am 22. September finde eine Persönlichkeits-Wahl statt - und nicht die Wahl der Parteien, die diese Gesellschaft bis in ihre kommunalen Verästelungen hinein repräsentieren.

»Wir sind das Volk«, haben die ostdeutschen Demonstranten im Jahr des Mauerfalls skandiert und sich damit die Demokratie erstritten und die Mitbestimmung und die Mitverantwortung in dieser Gesellschaft. Demokratie heißt: Das Volk regiert durch seine Repräsentanten. Demokratie heißt auch: Das Volk kann sich nicht zurücklehnen und »die da oben« machen lassen.

Der Theologe Karl Barth soll in seinem letzten Telefongespräch den tröstlichen Satz gesagt haben: »Es wird regiert.« Er meinte damit, dass Gott die Weltgeschichte lenkt. Dass Karl Barth am Ende Recht hat, ist zu hoffen. Aber in den politischen Dingen sollten wir Bürger uns um die Regierung schon selbst kümmern - und dafür sorgen, dass die Demokratie verantwortlicher Bürger nicht zur Mediendemokratie von Fernsehkonsumenten verkommt.

Johanna Haberer


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 Johanna Haberer
 Johanna Haberer beobachtet in einer monatlichen Kolumne die Medienlandschaft. Die Autorin, vormalige Chefredakteurin des Sonntagsblattes, hat die Professur für Christliche Publizistik an der Theologischen Fakultät Erlangen inne.
Foto: sob