Ausgabe - vom (Datum): 23-09.06.2002
Die Bibel verstehen (20)
Wer hat die Bibel geschrieben?
Am Anfang des »ersten Briefes des Paulus an Timotheus« (Kap.1,1-2) heißt es: »Paulus, ein Apostel Christi Jesu nach dem Befehl Gottes, unseres Heilands, und Christi Jesu, der unsere Hoffnung ist, an Timotheus, meinen rechten Sohn im Glauben.« Nun sagte mir ein Theologe, der Brief stamme in Wahrheit gar nicht vom Apostel Paulus selbst, weil er aus der Zeit nach seinem Tod stammen würde. Stimmt das? Können Sie mir sagen, welche Schriften der Bibel dann überhaupt von den angegebenen Autoren verfasst sind?
Herr E. aus K.
Die Autorschaft wurde in der Antike anders gesehen und bewertet, als wir es heute tun. In biblischen Zeiten war es die Regel, dass sich Autoren in ihren Werken nicht zu erkennen gaben. Das »Individuum« war sozusagen noch nicht »entdeckt«. Die Persönlichkeit trat hinter das Werk zurück. Man »signierte« seine Werke auch nicht. Eher verbarg man sich hinter dem Namen eines anderen, eines Bekannteren. Nur ausnahmsweise treten einzelne Schriftsteller so klar hinter ihren Texten hervor, dass wir sagen können: Diese oder jene Passage der Heiligen Schrift stammt eindeutig von dieser oder jener Person.
Viele Texte des Alten Testaments hatten bekanntlich eine lange mündliche Tradition im Volk Israel oder in seinen Nachbarvölkern hinter sich, ehe sie, oft erst nach Jahrhunderten, systematisch gesammelt und aufgeschrieben wurden. »Autor unbekannt«, »mündlich überliefert« oder »Volksweise« müsste die einschlägige Herkunftsangabe lauten. Auch die »Sammler« sind weitgehend unbekannt. Man stellt sie sich vor wie »Redaktoren«, die das reichliche Überlieferungsmaterial sichten und sinnvoll anordnen und mit Zwischentexten »moderieren«.
Auch die »Redaktoren« halten sich vornehm im Hintergrund. Nur manche sind bis heute zu erkennen an einem charakteristischen Sprachstil und einer jeweils besonderen Theologie. Manche Sammlungen sind vermutlich nicht von einzelnen Personen, sondern von bestimmten »theologischen Schulen« redigiert worden. Für den Forscher ist es hochinteressant, welche Stoffauswahl die einzelnen Schulen treffen und wie sie die überlieferten Texte miteinander verbinden. Am Beispiel der fünf Bücher Mose erläutert: Nomadisches Leben und schreibende Kultur passen hier nicht zusammen. Aber Mose als beherrschende Persönlichkeit einer ganzen Epoche gibt seinen Namen für die gesammelten Traditionen dieses Zeitraumes ab. So erkennen wir in den fünf Büchern Mose verschiedene unbekannte Sammler, Redaktoren und Schulen. Wir unterscheiden den »Jahwisten«, den »Elohisten«, die »Priesterschrift«, den »Deuteronomisten«, die sich zum Beispiel darin unterscheiden, welche Bezeichnung für Gott sie in ihren Texten gebrauchen.
Mehr Individualität zeigen zum Beispiel die großen Propheten Jesaja und Jeremia. Unter dem Namen »Jesaja« scheinen mindestens drei große Persönlichkeiten zu schreiben, die man üblicherweise als Protojesaja, Deuterojesaja und Tritojesaja bezeichnet. Der Prophet Jeremia scheint einen eigenen Schreiber namens Baruch angestellt zu haben, der akribisch aufzeichnet, was ihm sein Meister als Gottesrede zu Protokoll gibt.
Im Neuen Testament sind die Evangelien im rekonstruierten griechischen Urtext überschrieben »kata matthaion«, »kata markov«, »kata loukav«, »kata joanneiv«, also »gemäß Matthäus«, »gemäß Markus« und so weiter. Das trifft sich gut mit der heutigen Erkenntnis, dass Evangelien nicht von den genannten Personen verfasst, sondern »in der Tradition des Matthäus«, »in der Tradition des Markus« und so weiter entstanden sind.
Das Evangelium des Johannes, die drei Johannesbriefe und die Offenbarung des Johannes weisen zwar sprachliche Ähnlichkeiten auf, sind einander jedoch nicht verwandt genug, um sie ein und demselben Verfasser zuzuordnen. Was die Apostelgeschichte des Lukas betrifft, so gibt es durchaus stilistische Ähnlichkeiten zum Evangelium des Lukas. Der Verfasser beider Schriften dürfte derselbe »in der Tradition des Lukas« sein.
Hinter den Paulusbriefen ist dagegen sehr wohl eine individuelle Persönlichkeit zu erkennen. Es besteht heute auch unter kritischen Forschern - und Forscher müssen von Berufs wegen kritisch sein - kein Zweifel daran, dass der Römerbrief, die beiden Korintherbriefe, der Galaterbrief, der Philipperbrief, der 1. Thessalonicherbrief und der Philemonbrief aus der Feder der historischen Person Paulus aus Tarsus und aus der Zeit der Urgemeinde stammen.
Umstritten ist die Herkunft der Briefe (»des Paulus«) an die Epheser, an die Kolosser und sein 2. Brief an die Thessalonicher. Sie sind bei näherem Hinsehen geprägt von einer anderen Theologie als der des Paulus. Ähnlich die Briefe (»des Paulus«) an Timotheus und Titus. Sie sprechen deutlich in die Situation einer Generation nach Paulus und in eine Zeit der sich etablierenden Kirche.
Die beiden Petrusbriefe sind mit Sicherheit nicht vom gleichnamigen Jünger Petrus verfasst. Sie entsprechen nicht der Sprachwelt des Fischers vom See Genezareth. Und sie zielen auf eine seit den irdischen Tagen Jesu deutlich veränderte Situation. Ähnliches gilt vom Brief des »Jakobus« und des »Judas« und vom Brief an die »Hebräer«.
Ob historisch gesicherte Autoren oder Schriftsteller und »theologische Schulen«, die unter Pseudonym schreiben - ihr menschliches (manchmal allzu menschliches) Wort, selbst ihre zeitgebundenen Vorstellungen »transportieren« doch allemal das göttliche Wort, das freilich immer neu inmitten des menschlichen entdeckt werden muss.
Rainer Gollwitzer
Sonntagsblatt-Autor Rainer Gollwitzer ist bayerischer Pfarrer und Klinikseelsorger in Aschaffenburg.
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