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Ausgabe - vom (Datum): 19-12.05.2002




Dunkle Kapitel der Bibel - schwierige Stellen in neuem Licht (16)

Gab es im alten Israel mehrere Götter?

»Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.« (1. Mose 1,26). Wer ist in diesem Vers »wir«? Gab es damals etwa mehrere Götter? Bei den vorherigen Schöpfungstaten war immer nur von einem Gott die Rede!

Die Beobachtung ist völlig richtig: Alle bisherigen Schöpfungswerke Gottes waren im Singular berichtet worden: Gott schuf Himmel und Erde, das Licht, den Raum, die Pflanzen, Gestirne, Fische und Vögel. Nach jedem seiner Werke heißt es: »Und Gott sah, dass es gut war«. Nun, am sechsten Schöpfungstag, geht es zunächst nach demselben Muster weiter: Gott erschafft die Landtiere und sieht auch hier abschließend, dass dieses Werk gut gelungen ist. Und jetzt folgt - erstmals im Schöpfungsbericht - eine Art Selbstgespräch Gottes, als müsse Gott die folgenschwere Entscheidung zur Erschaffung des Menschen besonders gut bedenken und sich gewissermaßen selber zu diesem Schritt ermutigen: »Lasset uns Menschen machen - packen wir's an, dieses letzte, schwierigste und konfliktträchtigste aller Werke«. Dieses neue Wesen, der Mensch, soll ein Bild sein, »das uns gleich sei«. Eine umwerfende Vorstellung: dass da ein Wesen auf der Welt in besonderer Weise etwas widerspiegelt von Gott, dass man in jedem Menschen ein Stück des Schöpfers selbst entdecken kann!

Nun scheint der Autor dieses Schöpfungsberichtes freilich auch gleich die Gefahr dieses kühnen Gedankens gesehen zu haben: Wenn man den Menschen als Ebenbild Gottes betrachtet, wird dann nicht die Macht und Größe und Unbegreiflichkeit Gottes unangemessen reduziert, sozusagen auf ein menschliches Maß herab verkleinert? Muss der Schöpfer nicht immer größer, mächtiger, »mehr« gedacht werden als sein Geschöpf? Da erinnert sich der Autor an eine alte Vorstellung: Gott herrscht demnach nicht allein und einsam in seinem Himmel, sondern er ist umgeben von einem ganzen Hofstaat von Engeln.

Diese himmlischen Heerscharen (hebräisch: Zebaoth) gehören zu ihm, begleiten ihn und dienen ihm, weisen auf ihn hin und halten Zwiesprache mit ihm. An vielen Stellen der hebräischen Bibel hat diese Vorstellung ihren Niederschlag gefunden: So sieht der Prophet Micha in einer Vision Gott auf einem Thron sitzen und zu seiner Rechten und Linken das ganze himmlische Heer (vgl. 1 Kön 22,19). Im ersten Kapitel des Hiobbuches wird davon berichtet, wie Gott mit seinen »Gottessöhnen«, also Engelswesen, unter denen übrigens auch Satan ist, ein himmlisches Gespräch über die Menschen auf der Erde führt. Der Prophet Jesaja sieht in seiner Berufungsvision geflügelte Serafim, die den Herrn der Heerscharen heilig preisen (vgl. Jes 6).

Und es gibt eine Menge uralter Überlieferungen, die davon erzählen, dass durch solche Engel aus dem Hofstaat Gottes Gott selbst mit Menschen in Kontakt treten kann (vgl. 1. Mose 18,1-15 oder 1. Mose 32,23-33 u.v.m.). Diesen Hofstaat des Herrn Zebaoth bringt der Autor der Schöpfungsgeschichte hier also ins Spiel. Er unterstreicht damit die Größe Gottes und verhindert, dass die Ebenbildlichkeit des Menschen allzu unmittelbar auf den Schöpfer oder gar sein Aussehen bezogen wird.

Von mehreren Göttern ist also hier keineswegs die Rede, im Gegenteil: Der eine Gott und Herr wird so mächtig gedacht, dass er seine himmlischen Diener von Anfang an an seiner Seite hat und deshalb auch in der »Wir«-Form von sich sprechen kann.

Übrigens: ein solcher »pluralis majestatis« setzte sich später auch im höfischen Sprachgebrauch unserer Kultur durch: Ein König redete von »wir«, wenn er sich selbst meinte, und er erwartete, von seinen Untertanen entsprechend als »Euere Majestät« und »Ihr« angesprochen zu werden. Ob damit die ursprünglich gemeinte Gottesebenbildlichkeit nicht wiederum unangemessen - nämlich nur auf den Herrschenden bezogen - verstanden wurde?

Ulrike Aldebert




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Sonntagsblatt-Autorin Ulrike Aldebert ist Rundfunkpredigerin und Pfarrerin im oberbayerischen Icking.
 Sonntagsblatt-Autorin Ulrike Aldebert ist Rundfunkpredigerin und Pfarrerin im oberbayerischen Icking.

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