Ausgabe - vom (Datum): 17-28.04.2002
Fortsetzung
Wäre »beten und arbeiten« ein sinnvolles Rezept für die moderne Arbeitsgesellschaft?
Sölle: Das ist eine wunderbare Regel. Sie meint Unterbrechung der Arbeit, Selbstunterbrechung; fähig werden, still zu sein, spazieren zu gehen, Musik zu hören, seinen Wünschen nachzuhängen - was schon sehr nah am Beten ist. Es gehört zum Menschen dazu, nicht nur zu arbeiten. Ich wünsche allerdings auch kranken, alten oder behinderten Menschen, dass sie auch etwas als Arbeit erleben in ihrem Leben. Ich bin öfter mal in Bethel, wo sehr viele Behinderte leben. Dort beobachte ich immer wieder, wie gut es ist, wenn jemand sagt: »Jetzt räumen wir erstmal das Geschirr alle ab«, und dann organisiert sich das, und alle tun etwas Nützliches und Sinnvolles. Sie sind nicht nur verpflegte Objekte. Sie haben diese Möglichkeit zu handeln. Nicht mehr gebraucht zu werden, ist der größte Schmerz, vielleicht der größte Altersschaden, den Menschen erleiden. Wir müssten wirklich dafür sorgen, dass alle Menschen das Gefühl haben: »Wir werden gebraucht. Ich werde gebraucht. Es gibt immer noch Leute, die noch kränker sind als ich, und denen ich eine Geschichte vorlesen kann.«
Hat der »Tag der Arbeit« heute seinen Sinn verloren?
Sölle: Ich glaube schon. Der 1. Mai war mal ein Tag der Industriearbeit gewesen, ein Tag, an dem die Industriearbeiter zusammenstehen, Aufmärsche machen, ihre Forderungen klären, ihre Anliegen ausdrücken. In diesem Sinn gibt es die Arbeit nicht mehr, und vor allem gibt es die Arbeiterbewegung, die das getragen hat, nicht mehr. Der 1. Mai war nicht einfach ein Tag, ins Grüne zu fahren, sondern der hatte einen gesellschaftspolitischen Sinn. Der ist vollständig vergangen. Wir sind auch in diesem Sinn völlig amerikanisiert. Heute brauchen wir andere Bewegungen, die auch so genannte nicht arbeitende Menschen integrieren und helfen. Wir brauchen einen viel weiteren Begriff von Arbeit als der industriellen und bezahlten, und erstreikten Arbeit.
Würden Sie sich entscheiden müssen: Wäre Arbeit für Sie eher Tretmühle oder Jungbrunnen?
Sölle: Auf jeden Fall ein Jungbrunnen. Zur Zeit habe ich zum Teil eine wunderbare Arbeit. Wir leben in einer Drei-Generationen-Familie und haben ein Enkelkind im Haus. Meine Tochter geht sehr früh aus dem Haus, und wenn das Kind aufwacht, dann kommt es also erst in die Bärenhöhle, das ist der Name meines Bettes, und dann erzählen wir uns Geschichten. Und das dauert so eine ganze Weile; dann geht es ans Anziehen und Fertigmachen über, und dann geht sie in den Kindergarten und wird abgeholt. Das ist ein Teil meines Lebens. Ich weiß gar nicht genau, ob ich das als Arbeit nennen soll. Jedenfalls ist es eine regelmäßige Pflicht - aber auch eine große Freude.
Interview: Uwe Birnstein
Übersicht | Druckversion | Textdatei
|