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Ausgabe - vom (Datum): 16-21.04.2002




Kurt Gerstein und der Film »Der Stellvertreter«

Ein Glaubenszeuge und sonderbarer Heiliger

 Kurt Gerstein als charismatischer Jugendleiter


 Kurt Gerstein als charismatischer Jugendleiter  Zwei Leben: Kurt Gerstein als charismatischer Jugendleiter und bekennender evangelischer Christ ... Foto: Katalog im Verlag für Regionalgeschichte Bielefeld (2), Concorde Filmverleih




Der SS-Obersturmführer Kurt Gerstein (1905-1945) war bekennender Christ und Zeuge des Holocaust. Sein gleich nach Kriegsende geschriebener Bericht ist der erste genaue Augenzeugenbericht über den Massenmord an den Juden. Am 25. Juli 1945 nahm er sich das Leben. Seine Geschichte wird ab 30. Mai im Film »Der Stellvertreter« (»Amen!«) in den Kinos gezeigt.

Von Andreas Rössler

Kurt Gerstein, der radikale Christ und charismatische Jugendführer, war nach Martin Niemöllers Einschätzung ein »etwas sonderbarer Heiliger«. Er schloss sich der SS an, der von ihm als verbrecherisch durchschauten Elitetruppe des Nationalsozialismus, um von innen her gegen dieses System zu kämpfen, Tötungen zu vereiteln und später als genauer Beobachter über den Massenmord zu berichten. Diese Absicht vertraute er von vornherein einer ganzen Reihe von Freunden an, so dass man nicht behaupten kann, Gerstein hätte erst nachträglich die Absicht zu sabotieren und zu spionieren konstruiert, um sich reinzuwaschen.

Dem um seine Abiturzeit herum zum persönlichen christlichen Glauben bekehrten Gerstein ging es um die Ehre Gottes und den unbedingten Gehorsam Gott gegenüber. Sein Glaube trägt strenge, unerbittliche Züge. Ein laues Christentum war ihm zuwider. Auch wenn er zunächst manche Sympathie für den Nationalsozialismus zeigte und sicher kein liberaler Demokrat im modernen Sinn war, lehnte er jedes totalitäre System ab, das den Menschen total fordert, weil nur Gott einen umfassenden Anspruch auf den Gehorsam und die Seele der Menschen hat.

Vielleicht tritt bei Gerstein die Forderung Gottes gegenüber seiner Barmherzigkeit eher in den Vordergrund. »Schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen« (Hebräer 10,31), ist eines der von ihm häufig zitierten Bibelworte.

Gerstein war in seinem Kampf gegen das mörderische Treiben des Nationalsozialismus ein Einzelgänger. Er war kein offener Widerstandskämpfer wie Dietrich Bonhoeffer. Er wollte mit seinen besonderen Fähigkeiten als naturwissenschaftlich und technisch geschulter Ingenieur und als geschickter Organisator dem Teufel den kleinen Finger geben, ohne sich von ihm die ganze Hand nehmen zu lassen, sondern um mitzuhelfen, dieses teuflische System zu unterwandern und zu zersetzen.

Gerstein war in ethischer Hinsicht sozusagen ein Extremkletterer. Er lebte seelisch in einem Dauerstress, denn er musste sich verstellen und zugleich auf der Hut davor sein, sich nicht doch die Hände blutig zu machen und dabei seine Integrität zu verlieren. Dass er sich am Schluss selbst das Leben nahm, nachdem er mit seinem Bericht den Zeitgenossen und der Nachwelt sein Zeugnis von dem Massenmord hinterlassen hatte, ist seelisch wohl verständlich. Gerstein konnte damit rechnen, dass er vom Vorwurf der Kriegsverbrechen bald entlastet werden würde. Doch war das Grauen über das selbst Mitangesehene wohl zu groß und die jahrelange Anstrengung der Tarnung zu erschöpfend, als dass er in den normalen Alltag hätte zurückkehren können.

@ Lesen Sie weiter im zweiten Teil des Beitrags.


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ZwKurt Gerstein in seiner Uniform als Obersturmführer der Waffen-SS. Foto: Katalog im Verlag für Regionalgeschichte Bielefeld (2), Concorde Filmverleih
 ZwKurt Gerstein in seiner Uniform als Obersturmführer der Waffen-SS. Foto: Katalog im Verlag für Regionalgeschichte Bielefeld (2), Concorde Filmverleih