Ausgabe - vom (Datum): 12-24.03.2002
Serie - Fragen zur Bibel:
Wie konnte Methusalah 969 Jahre alt werden?
Symbolik des »sagenhaften Zeitalters«
In der Bibel steht in 1. Mose 5: »Methusalah war 187 Jahre alt und zeugte Lamech und lebte danach 782 Jahre und zeugte Söhne und Töchter, so dass sein ganzes Alter war 969 Jahre, und starb.« Mit diesem Text kann ich nichts anfangen. Wie kann ich die Altersangaben verstehen?
Herr W. aus E.
Bei aller Hochachtung vor der Heiligen Schrift! Wie kann das sein? Nach 1. Mose 5 wurde Adam 930 Jahre, Seth 912, Enos 905, Kenan 910, Methusalah 969 Jahre alt, um nur einige zu nennen. Entweder waren damals andere Zeiten und die Menschen wurden seinerzeit wirklich so alt (wobei heutiges Wissen eher sagt, dass die Lebenserwartung der Menschen früher wesentlich geringer war als heute). Oder hat Gott mit den genannten besonderen Menschen eine Ausnahme von der Regel gemacht? Oder hat man damals die Jahre anders gezählt als heute?
Wenn wir die Heilige Schrift heute mit aller gebotenen Sorgfalt lesen, schulden wir ihr auch, sie mit aller wissenschaftlichen Genauigkeit von heute zu lesen. Zum Lesen heiliger Texte gehört heute durchaus der »methodische Zweifel«. Was steht hier? Ist der Text von damals gut bis heute überliefert? Ist etwas dazugekommen? Ist etwas weggenommen? Wie ist er zu verstehen? Wo sind möglicherweise Fehler? Wie war der Text damals gemeint? Wie ist er heute zu verstehen?
Wir ehren die Texte und nehmen sie ernst, indem wir sie möglichst genau befragen. Wir würden sie nicht ernst nehmen, wenn wir ihnen solche Rückfragen ersparen. Wir befragen sie, wie wir jeden anderen Text auch befragen würden: sorgfältig. Sollte dabei etwas von unserem schönen Kinderglauben zu Bruch gehen, so stellt sich die Frage nach dem Eigentlichen des Glaubens umso dringlicher, und die Chance steigt, zum Kern des Glaubens vorzudringen. Das hohe Alter der Urgestalten der Bibel gehört mit Sicherheit nicht zum Eigentlichen des Glaubens. Mit anderen Worten: Wir dürfen unbefangen an die Frage herangehen.
Zu den wichtigen Ergebnissen der wissenschaftlichen Bibelauslegung im 19. und 20. Jahrhundert gehört die Erkenntnis, dass die Bibel durchaus kein einheitliches Buch ist, sondern eine Sammlung der unterschiedlichsten Überlieferungen aus mehreren Jahrhunderten, grob gesprochen von 1000 vor Christi Geburt bis 100 nach Christi Geburt. Manche Überlieferungen sind noch älter und hatten ein jahrhundertelanges mündliches Vorleben, ehe sie in schriftliche Form gefasst wurden. In die Heiligen Schriften des Volkes Israel fanden auch jene Überlieferungen Eingang, die schon nach damaliger Perspektive »aus grauer Vorzeit« stammten.
Überlieferungen »aus grauer Vorzeit« haben bei allen Völkern und Religionen gewisse Ähnlichkeiten. Da ist von Göttern und Riesen die Rede, von großen kosmischen Kämpfen, von weltweiten Katastrophen oder von paradiesischen Zuständen und goldenen Zeitaltern. Alle Religionen gemeinsam sind Sagenstoffe, die bis in vorgeschichtliche Zeiten zurückreichen. Sie haben gelegentlich einen »historischen Kern«, und es ist oft erstaunlich, was heutige Forschung von diesen »sagenhaften« Stoffen doch als realistisch bestätigen kann. Die Sagen leben natürlich auch von dem, was wir heute - bei allem gebotenen Respekt - als »Übertreibungen« empfinden. Zu diesen »Übertreibungen« gehören zweifellos die Altersangaben bei den Urvätern. Für damals ist das kein logisches Problem. Warum sollte im »Goldenen Zeitalter« ein Mensch denn auch nicht so alt werden?
Das exakte historische Denken ist zur Zeit der Entstehung solcher - zunächst mündlicher - Überlieferungen noch lange nicht »erfunden«. Zur Zeit ihrer schriftlichen Fixierung ist zwar bereits ein erstaunlicher Sinn für Exaktheit am Werk. Die streng historisch-kritische Denkweise aber ist erst eine späte Frucht unserer Moderne. Ein Lebensalter über 900 Jahre ist mit Sicherheit keine historisch exakte Angabe. Es handelt sich um symbolische Altersangaben, die deutlich eines wollen: die hohe Wertschätzung für die Vorväter zum Ausdruck bringen. Wogegen nichts einzuwenden ist. Nur wir würden heute - im Zeitalter der exakten Messungen - tunlichst andere Stilmittel dafür benutzen.
Rainer Gollwitzer
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